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Bruno von Flüe - Zum astrologisch-philosophischen Werk von Thomas Ring
Das Original ist hier:
http://www.thomas-ring-stiftung.de/
Im Zentrum von Thomas Rings Leben als eines geistigen Abenteuers stand die Astrologie. Ring war gewiss Zeichner, Maler, Lyriker, Aphoristiker, Schriftsteller, Menschenberater und Philosoph – alle diese vielfältigen Begabungen seiner elementar künstlerischen Persönlichkeit sammelten sich aber im Erfahrungsfeld der Astrologie als einem mächtigen Brennpunkt, worin während sechs Jahrzehnten in nie abbrechender Arbeit ein weitverzweigtes Werk heranwuchs. Es ist zu vermuten, dass weder Rings malerisches noch sein dichterisches Schaffen und ganz gewiss nicht sein philosophisches Grundanliegen befriedigend nachvollzogen werden kann, ohne die konkrete Erfahrung astrologischer Gestaltschau, mit der ihr eigenen Evidenz und versammelnden Konsequenz. Rings Verständnis und seine Neufassung der astrologischen Phänomene wurzeln ganz im Gestaltschöpferischen der menschlichen Tiefenperson. Nicht mehr von Einflüssen der Gestirne auf den Charakter des Menschen ist da die Rede, sondern vom Eingebautsein des Organismus in das Ordnungsganze unseres Sonnensystems. Der schöpferischen Wirkmächtigkeit des Lebendigen selbst entspringt diese Ein-Ordnung ins umgreifend Ganze – und folgt damit, je nach der Komplexität des Organismus, den Möglichkeiten, der Wirkfülle seiner Art. Die Planeten-Prinzipien der astrologischen Tradition erweisen sich innerhalb dieser neuen Sicht zuerst einmal als organische Gestaltbildekräfte, als morphologisch steuernde Faktoren, wie sie im natürlichen Aufbau eines jeden Organismus anzutreffen sind.
Was Ring in jahrelanger Bemühung sehen lernte und in behutsamer Begrifflichkeit herausarbeitete, können wir heute leichter und in Kürze formulieren: Jeder Organismus stellt in sich selbst eine zentrierte Einheit dar und drückt aus seiner Mitte heraus eigene Lebensmächtigkeit aus. Dies ist das Moment des Sonnenhaften in seinem Gestaltbau. Zugleich ist er aber immer auch wesenhaft Teil einer Umwelt; er steht über unzählige Funktionen mit ihr in Verbindung, ist im Austausch mit ihr auf sie hin offen. Auch in sich selbst besteht er aus vielfachen Teilen und Teilbereichen, die alle über mannigfache Funktionskreisläufe miteinander verbunden sind. Darin zeigt sich seine mondhafte Seite. Im weiteren ist er in seiner Wesensart und Individualität an eine Strukturform gebunden, in dieser eingegrenzt und gehalten, gewinnt daraus Dauer und Stabilität. Seit die naturwissenschaftliche Erkenntnis in den 50er Jahren den genetischen Code, wie ihn jede Körperzelle enthält, zu entschlüsseln vermochte, ist ihr der bisher wohl genialste Einblick in das Gestaltbau-Moment des Saturnischen gelungen. Im weiteren sehen wir jeden Organismus als ein System, das in vielfacher Weise abgestimmte Anordnung (Symmetrien, Proportionen, Gleichgewichte) darstellt; hierin zeigt sich das Prinzip des Venusischen. Das Marsische, der polare Gegensatz zum Venusischen, finden wir in aktiver Entäusserung, Einsatz auf ein Ziel hin, Wettstreit, Kampf. Auch dies gehört wesenhaft zum Gestaltbau des Organischen.
Das Prinzip des Merkurischen wiederum zeigt sich in der Zweckmässigkeit, der ökonomischen Durchgestaltung, aus der heraus ein Organismus ihm wichtige Ziele mit rationellen Mitteln erreicht. Und letztlich haben wir in der Gesamtbewegung aller organischer Funktionen auf ein Realbestmögliches, ein Optimum hin das Jupiter-Prinzip vor uns. Ohne dieses wäre Gedeihen, Gelingen und Entfaltung als übergreifendes Wachstum nicht möglich.
Mit diesen sieben Prinzipien (die wir nur gerade in ihrer Kennzeichnung als Momente des organischen Gestaltbaus nannten, ohne auch nur im geringsten die Fülle ihrer Entsprechungen auf anderen Ebenen zu berühren!) schliesst die Ordnung des normalen Aufbaus. Dem "kosmologischen Blick", welcher genuin in Ordnungszusammenhängen (Anordnungen) – und nicht in Kausalwirkungen – denkt, fällt auf, dass diese sieben klassischen Planeten-Prinzipien im Aussen jenem Bereich unseres Sonnensystems entsprechen, welcher dem Menschen gerade noch mit dem technisch unbewaffneten Auge wahrnehmbar ist. An der Grenze dieser sinnlich eben noch fassbaren Welt finden wir Saturn, in seiner Stellung in eigenartiger Weise seinen morphologischen Gehalt spiegelnd: der Grenzsetzer, in Struktur und Form Einbindende, Ver-haltende.
In den letzten drei Jahrhunderten wurden im Raume jenseits von Saturn weitere Planeten entdeckt – Uranus (1781), Neptun (1846) und Pluto (1930). Der griechische Mythus hatte längst in den Prinzipien des Uranischen, Neptunischen und Plutonischen eine Welt von noch archaischeren Kräften beschrieben, welche "vor" oder "hinter" unserer innersaturnischen erdnahen Ordnung liegt, diese umgreifend und durchdringend. In unserem Jahrhundert erleben wir, wie diese Gestaltmächte aus dem noch tieferen Welthintergrund zunehmend unseren Wirklichkeitbezug mitformen, ausweiten und zum Teil gefährlich entgrenzen. Der Vorstoss der Physik in die subatomare Welt der Elementarteilchen, ihre immer weiter ausgreifenden Anwendungen in Astronomie, Biologie und Medizin, unser merkwürdig hoffnungsvoller Umgang mit der Kernenergie – all das sind Anzeichen, faszinierende und abgründige, der geschehenden Ausweitung in den transsaturnischen Hintergrundraum.
Es muss für den jungen Ring ein ungeheures geistiges Faszinosum gewesen sein, in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg der Astrologie zu begegnen. Mit dem Instinkt des geistig Ueberwachen erkannte er die wissenschaftliche und philosophische Tragweite einer Sache, die über weite Teile noch unter einem Wust von Aberglauben, esoterischer Spekulation, gutgläubiger Inflation und Geschäftemacherei begraben lag. Ihm, dem jungen Intellektuellen und Künstler, der im Berlin der Nachkriegszeit so richtig durchgeschüttelt wurde von den Umwälzungen des eben begonnenen Jahrhunderts, bot sich der Einblick in Zusammenhänge, die uralter Tradition entsprangen und doch (gerade das muss er früh erkannt haben) die Keime für ein neues, umfassenderes Menschenbild schon in sich trugen. Und das Erregendste an allem: es war nicht Philosophie oder religiöse Spekulation – sondern greifbare Erfahrung, die sich immer wieder und wieder am Messbild konkreter Menschen zu staunenswerter Evidenz erhärtete.
In Vorlesungen über Physik hatte er von Einsteins Neuerungen vernommen, die immer deutlicher über Newtons mechanische Naturauffassung hinausführten, von Jakob von Uexküll und Hans Driesch wusste er um die Kämpfe innerhalb der Biologie, in welchen man um eine realistische aber doch gestalthaft ganzheitliche Erfassung des Lebendigen rang, und mit dem Philosophen Nicolai Hartmann fand er einen, der in beharrlicher Kleinarbeit die ontologische Reflexion über den Aufbau der realen Welt vorantrieb und mit Sorgfalt versuchte, die schichtspezifische Eigenart des Materiellen, Organischen, Seelischen und Geistigen unterscheidend festzuhalten. Zu allen diesen brennenden Fragen hatte die Astrologie – wenn seine Erfahrungen am einzelnen Kosmogramm standhielten – ein gewichtiges Wort mitzureden. Nicolai Hartmanns "Abbrechen des Mathematischen" auf der Stufe des Seelischen und Geistigen konnte nicht stimmen. Die Anordnung der Wesenskräfte, messbar im Tierkreis des einzelnen Geburtsbildes, formt mit und trägt die Gestaltzüge schöpferischer Entwicklung sowohl im Seelischen wie auch im noch offeneren Raum des Geistigen. Die Welt schien viel konsequenter und grossartiger "Kosmos" im menschlichen "Inseits" zu sein als die meisten Naturwissenschaftler und Philosophen es erkennen konnten. „Hinsichtlich des menschlichen Wesensgefüges lehrte die Erfahrung: dasselbe Element, das die Physiognomie bestimmt und in leiblichen Organfunktionen deterministisch zum Ausdruck kommt, kehrt im Seelischen wieder, gestaltet sich urbildhaft, temperaments- und stimmungsmässig, rhythmologisch in analoger Eigenart und projiziert sich in einen Denkstil, der vorgefundene Anschauungsweisen individuell abwandelt. Organische Gestaltbaukräfte und innerseelische Wesenskräfte sind dasselbe, ausgewirkt in Kategorien verschiedener Seinsebenen. Es handelt sich um etwas den Bau der Seinsebenen Durchragendes, das Körperbau, Konstitution sowie Charakter, Geistesart ineinander verschränkt."
Mit diesem "Durchragenden", das der astrologischen Gestalt-Logik ursprünglich eignet, war Rings philosophisches Lebensthema angeschnitten. Von frühesten Versuchen (wohl noch vor 1920) bis zu seinem letzten Buch "Das Grundgefüge" (erst nach seinem Tode veröffentlicht) spannt sich dieser Bogen. Ende der 1950er Jahre fasst er ihn in folgenden Sätzen: "Das Ureigene der Astrologie als Menschenkunde, ihr Beitrag an die Gegenwart mit ihren Problemen, besteht in etwas, wodurch sich empirische Tatsachensammlungen erst zusammenschliessen: innere Einheit einer auf Welt hin entworfenen organisch-seelisch-geistigen Struktur des Menschen. Gespiegelt am Welthintergrund seines Antretens erweist sich der Einzelne determiniert, Struktur ist Schicksal und auf jedem erreichten Niveau stellt sie sich wieder her. Im Querschnitt gesehen bleibt er unveränderlich derselbe. Zugleich aber bezeichnet der selbstbestimmende Faktor in ihm das Weltoffene, Ansteigende. Es gibt dennoch freie Entscheidungswahl, Streben, geschichtlichen Weitergang, mit dem Niveau ändern sich die Entsprechungen, mit hinzugewachsener Welt wechseln die Dinge aus, in denen sich sein Wesen manifestiert. In diesen beiden Blickweisen, deren Paradoxie wir im Gedanken der Entwicklungsspirale aufheben, ist der Mensch gleichzeitig ein vorbestimmtes Ganzes wie eine ständig offene Frage: "geprägte Form die lebend sich entwickelt"."
Rings Erfassen der astrologischen Deutungselemente (des Vielschichtigen der darin möglichen Bezüge) vollzog sich wahrscheinlich mit grosser Schnelligkeit (um1919, 1920). Die Vertiefung in die Fülle und umfassende Gründlichkeit, die seine astrologische Wahrnehmung letztlich auszeichnet, brauchte Jahrzehnte. Wer das Bewegte, Kämpferische, Dialektisch-Schillernde, an Einfällen Ueberreiche, Experimentierfreudige von Rings Wesen kennt, wie es vor allem in der ersten Lebenshälfte "Regie führte", der staunt ob der Kontinuität und inneren Konsequenz, mit der er – bei lange noch ungesichertem materiellem Unterbau – die wachsenden Kreise seines Werkes auszog.
Rings erste, noch sehr knappe Schrift "Die Ueberwindung des Schicksals durch Astrologie" (1925) lässt, trotz ihres Anfangscharakters, die Intuition und hohe Begabung für Analyse und Synthese der Gestaltfaktoren im Geburtsbild bereits erkennen. Manches, vor allem das intellektuell denkerisch Erfasste, ist schon in grosser Klarheit da: die Betonung der Freiheit des Einzelnen, die Aussage-Grenzen (bezogen auf konkrete Umwelt, erbliches Potenzial und selbstbestimmenden Faktor) und auch die Idee einer wachsenden Ausgestaltung des Anlagengefüges. Was noch fehlt, geht einem beim Lesen dieses Büchleins ebenfalls auf: auf 78 Seiten wird das Ganze der Astrologie durchaus handlich vorgeführt, und dies in einer Sprache entschlossen zugriffiger Erkenntnis-Schematik. Das noch vereinfachend Enge dieser sprachlichen Durchführung steht im Kontrast mit der Weite des Geistig-Grundsätzlichen. Die Ausweitung in die menschliche Tiefenperson, in die Räume des Organischen und Seelischen, vollzog sich langsam, brauchte Zeit, und das umso mehr, als Ring hier nun Pionier-Arbeit zu leisten hatte. Bedeutsam wurde ihm darin die Begegnung mit R.H.Francé.
Francé (1874 – 1943), ein Mann höchst eigenwilliger Geistesart, war durch ausgedehnte Forschungen über die Pflanzenwelt und Mikroorganismen immer deutlicher zu einer umfassenden Schau einer siebenfachen Gesetzmässigkeit in allem Lebendigen gekommen. 1921 erschien sein Hauptwerk: "Bios" (Untertitel: "Die Gesetze der Welt"). Darin unterscheidet er als Urmomente allen Lebens: Entität, Integration, Funktion, kleinstes Kraftmass, Selektion, Optimum und Harmonie. In Form von Gesetzen erscheinen diese Prinzipien in der Analyse jedes Seienden. Francé nimmt dabei einen streng biozentrischen erkenntnistheoretischen Standpunkt ein: Alles Sein, soweit wir es zu erfassen vermögen, entspricht dem Entwurf unseres Denkens. Denken aber wurzelt im Leben, in der Einheit des Bios. Ring erkannte sofort, in welch erstaunlichem Masse Francé (mit grosser Wahrscheinlichkeit ohne die Kenntnis der Astrologie) zu Einsichten gelangt war, zu denen er selbst seit Jahren im Durchdenken biologisch-organischer Bezüge unterwegs war. Sechs dieser Lebensgesetze entsprachen ganz präzise den Planeten-Prinzipien der astrologischen Tradition; und eines, die Selektion, kam dem Marsischen nahe, jedoch mit einer charakteristischen Abweichung. (Diese Ungenauigkeit entsteht wohl, weil in Francé`s Gesamtschau das Gesetz der Harmonie (das Venusische) – ganz im Gegensatz zur astrologischen Erfahrung – die Rolle des obersten aller Prinzipien innehat. Das Marsische wird – unter diesen Systembedingungen – in seiner Eigenart abgeschwächt. Statt Prinzip aktiver Entäusserung, jedem Organismus innewohnend, erscheint es bei Francé als Prozess der Selektion, dem jeder Organismus passiv unterliegt.)
Wann Ring von Francé Kenntnis bekam, ist ungewiss. Sicher ist, dass beide in den Dreissiger Jahren in Graz einander begegneten. Für Ring waren Francé`s reichhaltige Beobachtungen unmittelbar an der Natur und seine intuitiven Formulierungen der sieben Gesetze von unschätzbarem Wert. Sie waren Bestärkung der eigenen Blickrichtung und legten mit einem Schlag eine Fülle von Erfahrungen frei, die der Fassung der Planeten-Prinzipien als Kategorien des Organischen einen tragenden Boden gaben.
1939 erschienen von Ring drei Veröffentlichungen: "Das Sonnensystem – ein Organismus", "Das Lebewesen im Rhythmus des Weltraums" und "Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt". Vor allem die ersten zwei belegen, wie sehr sich Ring in diesen Jahren um die Klärung der einzelwissenschaftlichen Grundlagen der astrologischen Phänomene bemühte. In "Das Lebewesen im Rhythmus des Weltraums" geht er zuerst den vielfältigen Beobachtungen über physikalische Auswirkungen von kosmischen Prozessen auf unserer Erde nach, um dann in Beispielen der aktiven Einstellung des Lebens auf kosmische Perioden zu jenen Erfahrungen zu kommen, die für die Erhellung des astrologischen Problems erst wirklich fruchtbar sind. Mit steigender Organisationshöhe sehen wir bei Pflanze und Tier strengere Formen der Einstellung auf Rhythmen unseres Sonnensystems. Beim Menschen scheint die physiologische Vererbung individueller Merkmale mit einem Eingepasstsein in kosmische Rhythmen zusammenzugehen. Was beim Tier noch die Gattung alleine (ihre Fortpflanzung) betrifft, bezieht sich beim Menschen auch auf seine Individualität. Das Geburtsbild erweist sich in dieser neuen Blickweise als ein "Entlassungsschein des Erbganges" und hat nichts zu tun mit einer "Zauberformel des Zugriffs lebensfremder Mächte". "Die Individualität wird nicht im Geburtsaugenblick durch eine Einwirkung von aussen geschaffen, sie ist eine vorgeformte, aus der elterlichen Mischung hervorgehende Anlagestruktur. Bestimmte, erbbiologisch herausgebildete Anlagen können aber erst dann aus dem Bereiche der Möglichkeiten in den der Wirklichkeit treten, wenn sie zu einem Strukturbild vereinbar sind, dessen Verhältniswerte dem geozentrisch gesehenen Zustand der uns umschliessenden Ordnungsgrösse, des Sonnensystems, entsprechen. Die einbeschlossene Ganzheit Lebewesen ist determiniert durch die umschliessende Ganzheit Gestirnsystem."
Anderer Art ist Rings zweites Buch im selben Jahr: "Das Sonnensystem – ein Organismus". Darin wagt er den Versuch, aus der genauen Betrachtung und Vergleichung der Umlaufzeiten der Planeten und der räumlichen Abmessung ihrer Bahnen Ordnungszusammenhänge herauszustellen, welche auf die grundsätzlichen Inhalte der sieben Gestaltfaktoren im astrologischen Messbilde hinweisen. Wie gültig dieser Versuch einer gestalttheoretischen Untersuchung ist, wird die Zukunft weisen. Gewiss ist er ein Zeugnis der kühnen, konstruktiven Seite von Rings Geist.
Im Herbst 1940 konnte Ring das Vorwort zu dem Buch beenden, das erstmals umfassend die zehn Planeten-Prinzipien als Bildekräfte des ganzheitlichen Aufbaus von Mensch und Natur enthält: "Der Mensch im Schicksalsfeld". Es ist längst vergriffen – und andere Bücher, etwa die vierbändige "Astrologische Menschenkunde" sind ungleich bekannter geworden unter den Astrologen. Aber eigentlich gebührt diesem Buch der Rang eines Marksteins innerhalb der modernen Astrologie. Alles Wesentliche der Neuformulierung der alten "Planeten" (und diese waren und sind das Herzstück jeder Astrologie) ist hier in beispielhafter Klarheit und unter Einbezug der wichtigsten Ergebnisse von Jungs archetypischen Psychologie vollzogen. Es hat noch nicht das Abgeklärte längst zurückliegender Einsichten; man spürt im Ausholenden seiner Gliederung noch die Anstrengung des Begriffs, die Arbeit der geistigen Durchdringung. Es nimmt wenig Rücksicht auf den Leser, aber umso unmittelbarer ist es ein Produkt aus den entscheidenden Jahren von Rings Werkstatt.
Was danach, nach der Zeit des 2.Weltkrieges, kam, ist Ausarbeitung und Vertiefung der bereits geschehenen Klärung. Annähernd 20 Jahre dauerte es, bis Ring alle vier Bände seiner "astrologischen Menschenkunde" ausformuliert hatte (Bd.1 1956, "Kräfte und Kräftebeziehungen"; Bd. 2 1959, "Ausdruck und Richtung der Kräfte"; Bd. 3 1969, "Kombinationslehre"; Bd. 4 1973, "Das lebende Modell"). Wir können heute, in einer Zeit der Flut schnell geschriebener Bücher, nur staunen über die Gründlichkeit und durchgehende Dichte, mit der hier astrologische Wahrnehmung Menschenkunde geworden ist. Der Ruhm eines (wenig wirklich gelesenen) Klassikers ist diesem Werk sicher. Die letzten Jahre von Rings Schaffen umkreisten – ohne die Problematik der einzelwissenschaftlichen Begründung der Astrologie neu aufzurollen – "die Stellung des Menschen in Natur und Kosmos". So lautet der Untertitel seines letzten Werkes "Das Grundgefüge" (1986, drei Jahre nach seinem Tode, erschienen). In immer neuen Wegen, auf je etwas anderen Zugängen, lässt Ring in diesen letzten Jahren die Erfahrung des Welthintergrundes aufscheinen, wie er als überpersönliche Bestimmung aus der organischen Tiefe im Einzelnen zur Ausgestaltung kommt.
Aus dieser späten Schaffenszeit besonders hervorzuheben ist "Genius und Dämon" (1980), worin Ring die Geburtsbilder von schöpferisch Grossen aus sechs Jahrhunderten (von Leonardo da Vinci bis Georg Trakl) in tiefgründigen Werk- und Lebensskizzen beschreibt. In diesen Texten können wir "in actu" Rings Meisterschaft astrologischer Deutung erleben. In ihnen kommen seine vielfältigen Begabungen so recht zusammen: Klarheit des Durchblicks, Reichtum der Deutungs-Einfälle, das Ueberraschende des jeweils aufschliessenden springenden Punktes, grosses historisches Wissen im Philosophischen, Politischen, Künstlerischen (sei es Literatur, bildende Künste, Musik), geschickte Dramaturgie der Beschreibung und in allem immer die Disziplin einer philosophischen Besonnenheit, die astrologische Wahrnehmung nicht abgleiten lässt in inflatorisches Erkennenwollen, sondern sie jederzeit einbindet im Menschlichen.
Vieles wäre noch zu sagen – und müsste wenigstens genannt sein, um der Eigenart von Rings Weltsicht und dem weitgespannten Bogen seines Schaffens gerecht zu werden. Auch in seinem astrologisch-philosophischen Werk stossen wir immer wieder auf das genuin Künstlerische seiner Wahrnehmung, worin der denkende und der schauende Mensch eine lebenslang befruchtende Verbindung eingegangen sind. Aus solcher Synthese heraus entwirft und fordert er einen neuen, umfassenderen Wissenschaftsbegriff. "Die Sinneswirklichkeit gilt dieser umfassenden Wissenschaft nicht nur als Steinbruch zur Absprengung von Begriffen für logische Baukästen, sondern der schöpferische Umgang mit ihr erschliesst Gesetze lebendiger Proportionierung. Hierbei hat der musische Mensch, der Künstler, etwas zu sagen. Schauen verwende ich in diesem Sinne als Inbegriff der Ermittlung solcher Wirklichkeiten in allen Kunstgattungen." Ganz aus der Erfahrung dieses eigenen doppelwertigen Weltbezugs betont Ring, dass sowohl beim schauenden als auch beim denkenden Vollzug das Wesentliche auf "kombinierten Verhältniswerten" beruht; beiden gemeinsam ist ein "tektonisches Zueinander von Bestandgliedern", sei es die Proportion der Begriffe im Denken oder die Abstimmung sinnlicher Mittel im Kunstschaffen. Was sich beidem so erschliesst, ist Ordnung, Anordnung – die Ordnungshaftigkeit, wie sie aus dem umschliessenden Ganzen auf allen Stufen des Seins in je gewandelter Form erscheint. Nicht zufällig kommt Ring im letzten Kapitel des "Grundgefüges" zu einer bemerkenswerten Formulierung über den Geist: im "spontanen Setzen ordnender Punkte" sieht er dessen "Wesenseigentümlichkeit" Im Denken, fügt er bei, werde diese geistige Kerneigenschaft seelisch in Gebrauch genommen.
In der astrologischen Wahrnehmung durchdringen sich Schauen und Denken in besonderem Masse. Im Erfassen von Planeten-Signaturen oder im Sinn für physiognomische Ausdrucksqualitäten wird sinnliche Anschauung unmittelbar erkennend. Analoges geschieht beim Zeichnen von Geburtsbildern. Gerade dort kann raumhaft bildnerisches Gestalten das Wesenhafte einer Anordnung vermitteln, so dass Anschauung sich wandelt in strukturalen Gehalt, in Verstehens- und Bedeutungswerte. So gehen bei jeder wirklich ganzheitlich aufschliessenden Deutung Bildhaftigkeit, sinnliche Anschauung und Erfassen von Struktur auf hohem Niveau denkerischer Abstraktion zusammen.
Die symbolische Erfahrung, wie sie heute unter anderem in den vielfältigen Wegen der Tiefenpsychologie neu aufbricht, lebt ganz aus der Verbindung des schauenden und denkenden Menschen. Sie wurzelt tief im Leibhaften erlebter Raumhaftigkeit und der darin sich vollziehenden Ur-Gebärden. So müssen wir die Vertikale, wie sie in jedem Geburtsbild von der Himmelstiefe (I.C.) zur Himmelsmitte (M.C.) ins Oben zieht, aus der Urgebärde des Sich-Aufrichtens verstehen; ebenfalls als Urgebärde offenbart sich uns der "dialogische Gehalt" der Horizont-Linie (vom Aszendenten zum Deszendent hinführend). In dieser Weise zeigt sich an den Hauptachsen des Kosmogramms, wie Urgebärden kosmischen Gestalt-Verhältnissen entspringen – und sich umgreifende Ordnung aus leibhafter Bewegung erschliesst. Vielleicht gibt es innerhalb der symbolischen Erfahrung Einsichten, die in keiner Weise mehr wortbar sind und die uns doch mit Welttiefen wachsend zusammenschliessen. Solche Wahrnehmung dürften wir wohl mit der Innenschau in Verbindung bringen, wie sie sich in der Mystik und geistigen Erfahrung aller Zeiten und Völker manifestiert. Für uns allerdings, die wir seit Jahrhunderten am Prozess intellektuell-mentaler Differenzierung teilhaben, kann der Weg zu einem dergestalt ganzheitlich erlebten Symbol weit und langwierig sein. Erst im Gang in die eigene Wesenstiefe, den Spuren der dort angelegten Gestalt von Welterfahrung folgend, öffnet sich uns das tiefere Herz der Dinge.
Thomas Ring ist in seinem langen Leben einen solchen Weg in hohem Masse gegangen. Im Schöpferischen seiner Arbeit hat sich ihm Wirklichkeit in einer Weiträumigkeit zugesprochen, die altes, im Mythus gespeichertes Wissen wieder lebendig werden lässt und den Menschen des 20. Jahrhunderts – unter Beibehaltung gewonnener naturwissenschaftlicher Differenzierung – wieder neu im umschliessenden Welthintergrund einzubinden vermag. (Dieser Aufsatz wurde entnommen aus : Thomas Ring (1892 – 1983), Katalog der Ausstellung im Wilhelm-Lehmbruck-Museum der Stadt Duisburg, 1988)
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