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Placebo

Entwurf Sternzeitartikel

Astrologie, Placeboforschung und Wissenschaftstheorie ?

 

 

 

Was, bitte schön, soll denn Placebo und Astrologie verbinden? - Eine natürliche Reaktion ? – wir werden sehen.

Zunächst zu den Begrifflichkeiten. Astrologie dürfte bekannt sein, Für die Placeboforschung kann ich mich auf die Titelgeschichte des Spiegels vom 25.06.2007, Nr. 26 beziehen, wo es um die Heilkraft der Einbildung geht. Ich halte es zwar für falsch, wenn der Spiegel  Akupunktur, Homöopathie und Naturmedizin zu den Placebowirkungen rechnet. Es ist aber heute gesicherte Erkenntnis, daß die Gabe eines Placebos Patienten, durch den schlichten Glauben an das gegebene Medikament und den Therapeuten, zu erheblichen Besserungen im Krankheitsverlauf verhilft. Innerhalb der Schulmedizin gibt es einen heftigen Streit darüber, ob es moralisch vertretbar sei, Patienten wirkstofflose Behandlungen zu verabreichen und sie darüber im Unklaren zu lassen. Fakt ist aber auch, daß die Wirkungen ausbleiben, wenn der Patient um das Placebo weiß. Die Überschrift „Astrologie, Placeboforschung..“ rechtfertigt sich nun dadurch, daß der Spiegel den ärztlichen Verfahren Homöopathie, Akupunktur und Naturheilverfahren vorwirft, ihre Wirksamkeit sei wissenschaftlich nicht bewiesen und die Erfolge lediglich auf Placeboeffekte zurückzuführen. Auch der Astrologie wird ja Ähnliches vorgeworfen. Und von führenden Astrologen (z.B. von Peter Niehenke) wird ähnlich wie von den Kritikern der Placebotherapie eine vorherige Aufklärung des astrologischen Klienten gefordert.

 

Neben Peter Niehenke, der mit seiner Arbeit "Kritische Astrologie" in Bielefeld promovierte, befaßten sich auch andere Wissenschaftstheoretiker mit Astrologie.

So setzt sich z.B.Ronald N. Giere  intensiv mit der Astrologie wissenschaftstheoretisch auseinander und kommt zu dem Ergebnis, daß Astrologie in einem durchaus hohen Maß Zufriedenheit erzeugen kann obwohl die zugrunde liegenden Vorstellungen wenig mit der realen Welt zu tun hätten.

In diesen Kontext gehören m.E. die vielfältigen neuesten Erkenntnisse in der Wissenschaftsforschung, für die nur einige wenige Zitate hier einen Beleg abgeben mögen. So stellt Arno Bammé  in seinem sehr lesenswerten Buch auf S. 209 heraus: „Ins Blickfeld der innerakademischen Diskurse gerieten aber zunächst Probleme der Selbstverständigung darüber, was Wissenschaft eigentlich zur Wissenschaft mache und worin sie sich von anderen Diskursformen unterscheide. ... S. 211: Der Relevanzbereich, innerhalb dessen wissenschaftliche Aussagen Gültigkeit haben, verschiebt sich vom Subsystem „Wissenschaft“ in die Gesellschaft hinein ... Einerseits werden (wissenschaftliche Aussagen) unmittelbar handlungspraktisch. Andererseits relativiert sich ihr Allgemeinheitsanspruch. ... S. 220: In den siebziger Jahren hatten Ethnologen bzw. Soziologen ... festgestellt, daß sich die Natur- und Sozialwissenschaften nicht nur viel ähnlicher sind, als bisher angenommen wurde, sondern auch, daß die sog. wissenschaftliche Methode selbst lediglich eine andere Form und zugleich ein Bestandteil des sozialen Lebens ist. Am prägnantesten haben es Collins und Pich ausgedrückt: „Wie unsere Fallstudien beweisen, gibt es keine Logik der wissenschaftlichen Forschung ...“

Dago Vlasits schreibt in dem von Katharina Moser (Hrsg.) herausgegebenen Band auf S. 102: „ Nach David Bohm „ergeben die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft nur noch einen Sinn, wenn wir eine innere, einheitliche, transzendente Wirklichkeit annehmen, die allen äußeren Daten zugrunde liegt.““

Christian Thomas schreibt in dem Sammelband von Paul Feyerabend et. al. (Hrsg.)  auf S. 5: „Es ist durchaus denkbar, daß eine Wissenschaft sich dadurch definiert, daß sie alle Erscheinungen einer gewissen Art behandelt, die von anderen Wissenschaften nicht erklärt werden können.“

Ich frage mich nun , gibt es so etwas wie einen konsensfähigen "Wissenschaftsbegriff", wenn wir die Validität von Astrologie allgemein und von konkreten Prognosen im Besonderen diskutieren?

Carl Friedrich von Weizsäcker berichtete dazu von einem Mitarbeiter, der astrologiegläubig war und diese gern beweisen wollte. Er hat ihm dann eine sorgfältige statistische Prüfung horoskopischer Zusammenhänge ermöglicht, ihm aber gleichzeitig vorausgesagt, daß mit statistischen Methoden die Astrologie nicht beweisbar sei. Nach Abschluß seiner Arbeit war dieser Mitarbeiter dann von der Astrologie völlig geheilt. Die ganzen statistischen Korrelationen, die die Astrologen behaupten, stellten sich ausschließlich als schlecht ausgewertete Statistik heraus. Zusammenfassend ist nach Auffassung von von Weizsäcker die Naturwissenschaft nicht weit genug entwickelt, um sagen zu können, daß die Astrologie nicht wahr ist und auch nicht weit genug entwickelt, um sagen zu können, welche Zusammenhänge astrologischer Art bestehen, wenn die Astrologie wahr ist.

Der wohl bekannteste Universitätsprofessor, der sich zur Berechtigung der Astrologie bekannte, war wohl Paul Feyerabend. In dem von ihm mit Christian Thomas herausgegebenen Sammelband „Grenzprobleme der Wissenschaften“ kommt dies an mehreren Stellen unmißverständlich zum Ausdruck. Der Band dokumentiert eine Veranstaltungsreihe an der ETH Zürich im Sommersemester 1983, einer der weltweit renommiertesten Universitäten.

 

Es wäre nun allerdings zu untersuchen, ob eine intensive Aufklärung des astrologischen Klienten evtl. negative Folgen wie in der Placeboforschung haben könnte.

Aufklärung sollte authentisch sein. Was aber, wenn der Astrologe wegen Satzungsvorschriften in einem bestimmten Sinne (z.B. Prognosen sind unmöglich) aufklären muß, und dann anschließend eine astrologische Prognoseberatung stattfinden soll. Treten dann vergleichbare Unwirksamkeitsmechanismen wie bei der Placebogabe, über die vorher informiert wurde, auf? – Bleiben dann die Evidenzerfahrungen evtl. aus wegen der Beachtung von Rechtstexten. Es spricht vieles dafür, daß die in einer astrologischen Beratung ablaufenden Interaktionsprozesse noch viel zu wenig erforscht sind. – Welche qualitativen Lähmungsprozesse in der Beratungspraxis könnten sich beim Astrologen ergeben, wenn er etwas, für sich Unauthentisches, im vorhergehenden Aufklärungsteil einbringen soll. –

Ich selbst kläre jeden meiner Klienten über meinen esoterisch – astrologischen Hintergrund (Ausbildung bei Nikolaus Klein) auf, Ich würde mich aber weigern, in meine Beratungspraxis den Streit über die Möglichkeit von astrologischen Prognosen zu integrieren, da ich davon überzeugt bin, daß astrologische Prognostik zwar etwas ist, was mit den zur Zeit verfügbaren Wissenschaftskategorien nicht erklärbar ist , aber sehr wohl funktioniert .– In Abwandlung von Carl Friedrich von Weizsäcker wäre meine Formulierung: „Die universitären Wissenschaften sind nicht weit genug entwickelt, um sagen zu können, daß die Astrologie nicht wahr ist und auch nicht weit genug entwickelt, um sagen zu können, welche Zusammenhänge astrologischer Art bestehen, wenn die Astrologie wahr ist.“

 

Schaut man sich in diesem Zusammenhang den aktuell weltweit stattfindenen Diskurs in der Wissenschaftstheorie an , wird dies eindrucksvoll bestätigt. Die Auffassung, die stark zunimmt, sagt schlicht, daß "Wissenschaft" über das "Reale" letztlich keine Aussage machen kann. So zum Beispiel P. Kyle Stanford in seinem neuesten Buch aus 2006: "Exceeding Our Grasp". Wenn aber auch Wissenschaft im strengen naturwisenschaftlichen Sinn wie Physik, Chemie und Biologie keine Aussagen treffen zu den realen Tatsachen, könnte das Anlaß sein, über die Bedeutung von dem sog. rationalen Diskurs neu nachzudenken. Sind manche Forderungen an die Astrologie, ihre Aussagen rational zu begründen, möglicherweise auch wissenschaftstheortetisch überzogen? - Die Zukunft mag es erweisen.

MR a. D. Volker H. Schendel

 

 

 1 - Ronald N. Giere: Unterstanding Scientific Reasoning, 4. Aufl., Orlando 1997.

 2 -Arno Bammé: Science Wars – Von der akademischen zur postakademischen Wissenschaft, Campus Verlag 2004.

 3 -Katharina Moser (Hrsg.): Im Jahr des Uranus. Der Weg des philosophischen Handwerks, Bruno Martin Verlag 1986.

 4 -Paul Feyerabend et. al. (Hrsg. – ETHZ): Grenzprobleme der Wissenschaften, Zürich 1985.

 

 

 

 

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