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Ring
  • Elmar Schübl
  • Eine knappe historisch-biographische Skizze zu Leben und Werk
  • von Thomas Ring (1892-1983)

     

    Das Original ist Hier:

    http://www.thomas-ring-stiftung.de/media50/low.pdf

    «Es scheint als ob ich, der ich nach nennbaren Daten so und so beschaffen bin, ständig auf der Jagd sei nach meinem eigentlichen Wesen. Ich könnte dies Wesen genau definieren und würde es selber glauben, wenn die Mittel, es zu tun, nicht abhingen von Hand und Hirn in ihrem wechseln-den Zustand. Eine Zustandsbeschreibung gibt mir nichts Gültiges. Ich blicke scharf hin, tappe durch den Nebel der Verwandlungen, was ich ergreife ist dem gesuchten Wesen ähnlich und doch nie ganz ich selbst. Manchmal spüre ich es so unmittelbar in der Gestalt, die meiner Vorstellung soeben über den Bildschirm fließt, daß es mich durchzuckt: der Durchbruch ist gelungen! Nach verflogenem Rausch sehe ich die Mängel darin und deren Bedingungen, die mich aufreizen, sie zu überwinden um dem Eigentlichen näher zu kommen. So ging es schon durch viele Stadien des ‹Habens› und wieder ‹Lassens›. Von jung an bin ich dabei, immer wieder ein ‹neues Leben anzufangen›. Selten, aber es tritt ein, hängen die Zügel schlaffer und der Versuch, mit der Umwelt in Frieden zu leben, stilisiert meine Lebensziele auf ein verträgliches Zusammenleben hin. Dann bin ich ihnen ‹ein guter Mensch›, manche versteigen sich zu ‹weise› und ‹gütig›. Aber es braucht nur zu gehen wie dem alten Schlachtroß, das seine Ackerfurchen zieht und die Trompete hört: das Eingespanntsein ins Joch der Nützlichkeit ist zum Teufel! Die Signale kommen aus mir selbst und zur rechten Zeit. Wollte ich dann mich zwingen, weiter geduldig Furchen zu ziehen, so bekäme das Irdische plötzlich eine schrille und gellende Gewalt des Widerstands, daß mein Verhältnis zur Welt heillos ver-rückt würde. Wer an der Grenze lebt, muß seine warnenden Vorzeichen kennen. Die Gescheiten, für mich meist hoffnungslos Dumme, sagen: du übertreibst! Sie freilich hören keine solchen Signale und leben außerhalb der Gefahr des Verrücktwerdens. Normale suchen nie nach ihrem eigentlichen Wesen sondern sehen sich als das an, wofür andere sie halten.»1

    • 1 Kindheit und Jugend
  • Thomas Karl Ring wurde als einziges Kind des Ingenieurs Nikodemus Andreas Karl Ring (23.5.1867-4.9.1948) und dessen Frau Margarete Dorothea Ring (8.2.1868-8.3.1947), geb. Heinlein, am 28. November 1892 in Nürnberg geboren. Die beruflichen Tätigkeiten des Vaters brachten wiederholt Ortswechsel der Familie mit sich: Nüziders bei Bludenz (Österreich), Thurgau (Schweiz), Venlo (Holland), Coventry (England) sind Stationen dieser Umzüge während seiner frühen Kindheit; es folgten Aufenthalte in Südrussland und dann in mehreren deutschen Städten. 1904/05 übersiedelten die Rings schließlich nach Berlin, wo Thomas auf elterlichen Wunsch Starks private «Höhere Knabenschule» besuchte; dort wurden seine musische Natur aber auch seine geistesgeschichtlichen Interessen gefördert; diese Schule führte jedoch nicht zum Abitur. Seine Absicht eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen, stieß auf den Widerstand des Vaters, dessen Wunsch gemäss der Sohn den Ingenieurberuf ergreifen sollte. Einen Kompromiss in dieser für den Jugendlichen so wichtigen Angelegenheit bedeutete eine solide Ausbildung zum Chemi-graphen, die Thomas Ring von 1908 bis 1911 absolvierte und ihn mit verschiedensten graphischen Drucktechniken vertraut machte. Von April 1909 bis März 1911 besuchte er an den Abenden Kurse der Unterrichtsanstalt am Königlichen Kunstgewerbe-Museum Berlin; im Sommersemester 1911 schrieb Ring sich dort als Vollschüler ein. Nach verschiedenen Studien wurde er schließlich im April 1913 Schüler der Graphikerklasse von Emil Orlik, die unter anderem auch von Hannah Höch besucht wurde. Während dieser Studienjahre setzte seine Auseinandersetzung mit der Kunst und Kunsttheorie der aufbrechenden Moderne ein; der von Kandinsky und Marc herausgegebene Almanach «Der Blaue Reiter» aber auch Ausstellungen der «Sturm»-Galerie, die Walden im Frühjahr 1912 eröffnete, hinterließen bei Ring einen nachhaltigen Eindruck. Im Sommer 1913 trat er einundzwanzigjährig seine Wanderung nach Italien an, die in der Ausbildung eines Kunst-studenten nahezu obligatorisch war und ihn über Prag und Wien bis nach Rom führte.
    • 2 Der künstlerische Hintergrund
  • Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Ring, angesteckt von der allgemeinen Kriegsbegeisterung, Anfang August 1914 freiwillig zum Kriegsdienst. In Belgien, bei den Ge-fechten um Dixmuiden-Nieuport, wird er Ende Oktober 1914 schwer verwundet. Ring wurde ins Militärlazarett der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a.M. überführt; erst im Frühjahr 1915 konnte ihm in der Berliner Universitätsklinik das Geschoss aus dem rechten Fußgelenk entfernt werden. Im darauf folgenden August traf Ring Herwarth Walden in Berlin; eine Begegnung, die für den jungen Künstler entscheidend war. Am 11. Dezember 1915 schrieb er an Walden: «Vor allem danke ich Ihnen dafür, daß Sie mir die Augen geöffnet haben über das was Kunst ist. Mir die Möglichkeit intensiverer Freude am rein Gestaltenden gegeben haben. Und so die Möglichkeit selbst zu schaffen. Es ist gleichgültig ob ich das als Dichter oder Maler tue, früher oder später – zum Ausbruch muß es einmal kommen, dazu ist es zu heftig.»2 Rings Unsicherheit, welche die Frage seiner künstlerischen Ausrichtung betraf, scheint 1916 überwunden. Pirsich schreibt, dass Ring zu der Vielzahl an Künstlern der frühen Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts zähle, «die, künsteübergreifend arbeitend, sich gegen eine einseitige Spezialisierung wenden, bei denen die Idee des Gesamtkunstwerks zunehmend an Bedeutung gewinnt.»3 In diesen Jahren war Ring vor allem als Lyriker produktiv, ein Umstand, der mit den Lebensumständen zusammenhängt, die seine Kriegsteilnahme und spätere Kriegsgefangenschaft bedingten. Seit Ende Juli 1916 befand sich Ring wieder auf dem Kriegsschauplatz, im November 1917 geriet er in der Schlacht um Cambrai in englische Kriegsgefangenschaft; nach einer missglückten Meuterei im Arbeitsgefange-nenlager bei Calais, in deren Verlauf er nur knapp dem Tod durch Hinrichtung entging, wurde Ring im April 1918 in das Lager Oswestry (England) gebracht, wo er bis November 1919 interniert blieb. Während dieser Jahre scheint sich Walden sehr um Ring bemüht zu haben; alle von Ring gesandten Gedichte wurden in der Zeitschrift «Der Sturm» abgedruckt4, die ersten vier im Aprilheft 1916; seine Lyrik wurde auch im Rahmen der «Sturm»-Kunstabende vorgetragen. In dieser Phase stellt Rings Kunstschaffen die unmittelbare Umwandlung des Eindrucks in die Ausdrucksform dar; Dichtung als Verdichtung des Erlebnisses. Damit hatte er Teil an der dama-ligen sich rasch entwickelnden «Sturm-Wortkunsttheorie» und wurde 1917 von Rudolf Blümner in dessen Programmschrift «Der Sturm. Eine Einführung» gemeinsam mit Kurt Heynicke, Franz Richard Behrens u.a. als Schöpfer einer neuen selbständigen Wortkunst gewürdigt5. Zweifellos haben der Krieg und die Gefangenschaft Thomas Ring erschüttert; rasch ist die anfängliche Begeisterung gewichen und Pirsich schreibt: «der Krieg wird für ihn zu einem notwendigen Übel, dem er sich, nun einmal hineingezogen, nicht mehr entziehen kann.»6 Während der Internierung im Kriegsgefangenenlager Oswestry fand Ring zur bildnerischen Tätigkeit zurück, die ihm Rettung vor dem «Selbstvernichtungstrieb» und der Apathie wurde und die er als «einzig wirk-same Selbsttherapie» empfand7. In den sogenannten «kristallinen Zeichnungen», die in größerer Zahl während dieser Monate entstanden, zeigt sich im Ringen um Strukturen ein Element, das auch für seine Philosophie charakteristisch werden wird. Sich auf die «absolute Malerei» bezie-hend schreibt Ring in dem unveröffentlicht gebliebenen Aufsatz «Zum Erlebnis der Kunstwende um die Zeit des ersten Weltkrieges», der Anfang der 1980er Jahre entstand: «In Umlauf kam der Vergleich mit der Musik, wonach Form und Farbe ohne Naturnachahmung eine absolute Bedeu-tung haben. Für mich, der ich stark in der Musik verankert war, lag hier die Lösung: der souveräne Ausdruck des Seelengehalts ist vor aller gegenständlichen Thematik da. In diesem Sinne entstan-den kristalline Zeichnungen, wobei ich den Kontrapunkt zu finden hoffte, bestimmte Qualitäten der Winkel und Überschneidungen erkannte.»8 Als Gefangener, in einer Atmosphäre, die durch Gefühle des Ausgeliefertseins aber auch des Zurückgeworfenseins auf sich selbst bestimmt ist, machte Ring eine Erfahrung, die hinsichtlich seiner wenige Jahre später erfolgten Bewusstwer-dung der Bedeutung des astrologischen Tierkreises wichtig war; diese Begebenheit schildert er in seinen späten Reflexionen «Rundgang»: «Der einzige Baum im Camp von Oswestry, eine Linde, hatte dem entlassenen Gefangenen aber eine Tröstung mitgegeben. Als ich damals halb verhungert unter diesem Baume lag, den Kreis der ewigen Wiederkehr mit der entsetzlichen Aussichts-losigkeit ‹es ist immer dasselbe› überdenkend, kam in stiller Luft etwas in Spiralen herunterge-schwebt: die Samenkugel der Linde mit Stiel und geschwungenem Führungsblatt. Noch eine und noch eine. Das war der wahre Ausstieg! Diese zylindrische Spirale brachte mir die Weisung: was von oben und von unten gesehen ein strenger Kreis ist, läßt im Seitenblick ein Aufwärts und ein Abwärts zu. Ebenso ist es mit dem Kreis der Prinzipien: ihre konkreten Entsprechungen ändern sich mit der Entwicklungshöhe, auf der sie gelebt werden!»9
  •    3 Die Begegnung mit der Astrologie

    Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft kehrte Ring nach Berlin zurück. In der «Sturm»-Kunstbuchhandlung lernte er deren damalige Leiterin Gertrud Schröder (15.5.1897-15.2.1945) kennen; ihrer Bekanntschaft erwuchs rasch Liebe, die beiden heirateten schon im November 1920; im Jänner 1922 wird Erp und im Jänner 1927 ihr zweiter Sohn Thore geboren. Die Bedeutung Gertrud Rings für das Lebenswerk ihres Mannes kann kaum überschätzt werden; sie ist ihm zur treibenden und disziplinierenden Kraft geworden. Im Jahre 1945, noch im Inter-nierungslager von St. Sulpice, wo Gertrud Ring verstarb, schreibt Thomas Ring: «Können denn Worte jemals schildern, was diese Frau mir war und ist? Nur ein großes Werk vermöchte heraus-stellen, was geliebtes Leben von 25 Jahren in mich gesenkt und in mir verändert hat.»10 Berlin, Anfang der 1920er Jahre, stellte im Leben des achtundzwanzigjährigen Künstlers eine Zäsur dar. «Fünfeinhalb Jahre Krieg durchgestanden, immer draußen, wenn man sich nicht im Lazarett oder hinter Stacheldraht befand, ich mußte etwas tun. ... Wer aus dem Felde kam, war bereit, alle Grundformulierungen in Frage zu stellen.»11 In diesem Prozess der Neuorientierung gewinnt seine Auseinandersetzung mit der Astrologie immer mehr an Gewicht. Anfänglich meinte Ring in ihr einen überholten Irrtum zu erblicken, er selbst bezeichnete sich manchmal als «ungläubigen Thomas»12. Im künstlerischen Kreis, in dem er sich bewegte, war die Beschäftigung mit Astro-logie nicht ungewöhnlich; sie fand unter anderem bei seinen Freunden Herwarth und Nell Walden, Sophie van Leer, Otto Nebel, Georg Muche und Hannah Höch Interesse. Zwar hatte bereits die Lektüre von Kepler und Paracelsus sein astrologisches Interesse geweckt, einen letzten Anstoß, der zu Rings astrologischen Studien führte, mag jedoch Muche gegeben haben. Rings kühner Entwurf, der sich mehr und mehr zu einem großen Gedankenzusammenhang ausgestaltet, in dessen Zentrum sich die Astrologie findet, besticht durch eine Weite, die sich auch darin äußert, dass Ring von verschiedenen Standpunkten aus der Frage nach der Stellung des Menschen in Natur und Kosmos nachspürt. «Astrologie heißt das geistige Abenteuer, die zahllose Mannigfaltig-keit menschlicher Äußerungen in ein zahlenbegrenztes System mit wenigen, logisch überschau-baren Elementen zu fassen.»13 Über die Ernsthaftigkeit seiner Studien, den hohen philosophischen Anspruch und den Arbeitsprozess, der zu einer revidierten astrologischen Auffassung führt, geben folgende Sätze Auskunft, die aus seiner «Selbstdeutung» stammen: «Ich verspürte die Angst, daß ich in meinen Anschauungen über Welt und Dasein etwas ausgelassen haben könnte, ein zu überlegendes Hauptargument, eine nicht in den Gesichtskreis gezogene Tatsache. Das wäre mir unerträglich. Ein Beruhenkönnen in Anschauungen bedarf der absoluten Sicherheit. Unsere Epoche hat keine verläßlichen Traditionen. Das Nichtvertrauenkönnen auf dargebotene Überliefe-rungen und auf Resultate des Denkens überhaupt wird der Gegenspannung von ‹Jupiter in Widder› zum Motiv eines unstillbaren philosophischen Wolfshungers, das Nein stülpt sich um in Suchen und Vorstoß ins Unbekannte. Hierbei erworbene gedankliche Sicherungen müssen ersetzen, was unmittelbar fehlt, die Gewissens- und Seelenruhe des ohne solche akute Nötigung im Übernom-menen geborgenen Menschen. Bei den mitspielenden Prinzipien ‹Widder› und ‹Waage› macht sich deutlich bemerkbar: Eroberung von Neuland ist immer rohes Anskizzieren, apodiktisches Setzen und Behaupten ‹hier müßte es sein›, zugesprochener Glaube vor der Erfahrung. Erst mit dem Einbau von Angeeignetem, der Zusammenfügung vorhandener erfahrener Tatsachen zur geistigen Einheit, kann ich richtig Fuß fassen, auf Dauer mich einrichten. Um Verläßlichkeit zu gewinnen, baue ich notwendig an einem System, in dem ein Glied auf das andere bezogen ist.»14 Rings philosophischer Ausrichtung gemäss sind es vor allem zwei Momente, die für sein Denken charak-teristisch sind: das Ordnungshafte und das Hintergründige. Astrologie ist ihm eine den Menschen an den Welthintergrund bindende Ordnungslehre. Hinsichtlich der Ausformung seiner «revidier-ten» Astrologie beschränkte sich Ring nicht nur auf spezifisch astrologische Studien; seine vielseitigen «Grundlagenstudien», die er damals in Angriff nahm, umfassten auch Philosophie, Mythologie, Psychologie, Harmonik sowie naturwissenschaftliche Disziplinen, insbesondere Biologie, um hier nur die wichtigsten zu nennen. Die astrologische Forschung (im engeren Sinne) betraf das Zeichnen und Interpretieren vieler Horoskope, die Prüfung der Deutungsergebnisse an der Realität, den Vergleich bestimmter Konstellationen verschiedener Horoskope und ihrer Ent-sprechungen, Studien der menschlichen Physiognomie aber auch der Handschriften und deren Vergleich mit den Horoskopen. Von Anfang an begleitete Gertrud Ring ihren Mann mit großer Anteilnahme auf dessen Weg, der ihm mehr und mehr zur Lebensaufgabe wurde. «Begabt mit einem ‹unwahrscheinlichen philosophischen Instinkt› (so drückt es Ring selbst aus) war sie ihm Geliebte und unerbittliche kritische Gesprächspartnerin zugleich. Sie fordert ihn heraus zu denke-rischer Disziplin und bestärkte ihn ebensosehr in seiner die Grenzen der Sinneswahrnehmung überschreitenden welthintergründigen Sensitivität.»15

    Sein Anspruch, dass die zu entwickelnde astrologische Auffassung mit der Auffassung der Welt, die maßgeblich durch Ergebnisse der modernen wissenschaftlichen Forschung bestimmt worden ist, in Einklang stehen müsse, war ausschlaggebend dafür, dass sich Ring mit diesen und ihren Theorien intensiv auseinandersetzte. Dies geschah durch Lesen von Büchern; darüber hinaus hörte er in Berlin Vorlesungen bei Einstein (über Physik), bei Hoffmann (über Chemie) und bei Hart-mann (über Philosophie). Aus dem Streben, das Ordnungshafte komplexer Zusammenhänge zu bestimmen, wird die Bedeutung auch des Werkes von Hans Kayser wie eigener harmonikaler Studien für Rings Lebenswerk16 verständlich. Ring nimmt das astrologische Problem vor dem

    Hintergrund einer allgemeinen Lebenslehre in Angriff. Ihn beschäftigten die Arbeiten Jakob von Uexkülls und von Hans Driesch, den er dann in den 1930er Jahren in Leipzig besuchte; Ring reiste damals von Oslo nach Graz zurück, wo er im Rahmen eines Parapsychologischen Kongresses referiert hatte. Größte Bedeutung für sein Werk gewann die Auseinandersetzung mit dem Ansatz von Raoul H. Francé, der in seiner zweibändigen Schrift «Bios. Die Gesetze der Welt»17 (1921) von der «Siebenheit» handelt, die denknotwendig für jeden Organismus erforderlich sei – so lautet eine Kapitelüberschrift. Francés Beschreibungen dieser sieben Lebensgesetze stimmen im wesentlichen mit den Planeten-Prinzipien der astrologischen Tradition überein – Entität (Sonne), Integration (Saturn), Funktion (Mond), kleinstes Kraftmaß (Merkur), Selektion (Mars), Optimum (Jupiter) und Harmonie (Venus) –, die von Ring im allgemeinsten Sinne als morphologische Ganzheits- bzw. Bildekräfte gedacht werden und als solche den Kern seines organisch-kosmologischen Denkens bilden. Der universelle Gültigkeitsanspruch drückt sich deutlich in der schmalen Schrift «Planeten-Signaturen» (1938) aus, in der Ring Charakteristika dieser Gestaltbil-dekräfte in folgenden drei Bereichen darlegt: im künstlerischen Ausdruck (Form, Farbe, Linie und Handschrift), in der Natur (Pflanze, Landschaft und Tier) und in der menschlichen Physiognomie. Seiner Anschauung gemäss wäre von einem kosmischen Gegründetsein des Wesens zu sprechen. Die Entfaltung dieser «Ganzheitskräfte», die er im seelisch-geistigen Bezug «Wesenskräfte» nennt, ist eingepasst in Perioden, für die Bewegungen der astronomischen Himmelskörper unseres Sonnensystems als «Modell» betrachtet werden. Im Zuge seiner psychologischen Studien hat Ring sich vor allem mit den Auffassungen von Sigmund Freud und C.G. Jung auseinandergesetzt. Astrologie als eine Art von Psychologie zu betrachten, ist heute zwar weitverbreitet, Ring hat diese Meinung jedoch nicht geteilt. Astrologie ist ihm Philosophie. «Die Lehre vom Grundgefüge aufzufassen als psychologische Deutung kosmobiologischer Zusammenhänge – für viele naheliegend – wäre unzureichend und falsch. Es hieße die Psychologie überfordern mit Urteilen über derartige Zusammenhänge, ihr damit einen Rang einräumend, der ihr nicht zukommt. Gestellt wird die Frage der kosmischen Zusammenhänge überhaupt, bezogen auf das irdische Leben, was auch den Menschen von Zeugung und Geburt an dem Welthintergrund verwoben zeigt.»18 Hinsichtlich seiner Klärung der ontologischen Frage ist Rings Auseinandersetzung mit dem Werk von Nicolai Hartmann bedeutend; Rings Theorie der vier Seinsebenen des Materiellen, Organischen, Seeli-schen und Geistigen ist eng mit den klassischen vier astrologischen Elementen – Erde, Feuer, Wasser, Luft – verknüpft. In Zusammenhang mit befruchtenden Begegnungen» nennt Skiebe unter anderem auch Gebser19. Hinsichtlich der Bedeutung der von ihr Genannten für Rings Auffassung und der Ausformung seiner Konzeption ist ihren Aufzählungen jedoch keine Wertung zu ent-nehmen. Nach meinem Erachten hatte Jean Gebser keinen nennenswerten Einfluss auf Rings Werk20.

    1925 erschien Rings erste astrologische Schrift «Die Überwindung des Schicksals durch die Astrologie»21. Bruno von Flüe schreibt, dass diese Arbeit trotz ihres Anfangscharakters, die Intuition und hohe Begabung des Autors für Analyse und Synthese der Gestaltfaktoren im Geburtsbild bereits erkennen ließe. «Manches, vor allem das intellektuell denkerisch Erfaßte, ist schon in großer Klarheit da: die Betonung der Freiheit des Einzelnen, die Aussage-Grenzen (bezogen auf konkrete Umwelt, erbliches Potential und selbstbestimmenden Faktor) und auch die Idee einer wachsenden Ausgestaltung des Anlagen-Gefüges. Was noch fehlt, geht einem beim Lesen dieses Büchleins ebenfalls auf: auf 78 Seiten wird das Ganze der Astrologie durchaus handlich vorgeführt, und dies in einer Sprache entschlossen zugriffiger Erkenntnis-Schematik. Das noch vereinfachend Enge dieser sprachlichen Durchführung steht im Kontrast mit der Weite des Geistig-Grundsätzlichen. Die Ausweitung in die menschliche Tiefenperson, in die Räume des Organischen und Seelischen, vollzog sich langsam, brauchte Zeit, und das umso mehr, als Ring hier nun Pionier-Arbeit zu leisten hatte.»22 Von 1925 bis 1932 erschienen regelmäßig astrologische Beiträge Rings unter anderem in «Astrologische Blätter» (Monatsschrift für Forschung und praktische Arbeit auf allen Gebieten der wissenschaftlichen Astrologie. Organ der Berliner und Hamburger Astrologischen Gesellschaft) – deren Titelzeichnung er gestaltete –, «Die Astrologie», «Sterne und Mensch», «Zeitschrift für Menschenkunde», «Jahrbuch für kosmobiologische For-schung», aber auch in dem Periodikum «Die Tat», das vom Verleger Eugen Dietrichs gegründet worden war. Thomas Ring zählte zum Vorstand der «Deutschen Kulturgemeinschaft zur Pflege der Astrologie. Wissenschaftliche Gesellschaft zur Durcharbeitung des Problems der Astrologie mit den Mitteln heutiger Erkenntnis», dem unter anderen auch Heinz Artur Strauß angehörte.

     

         4 Im Umkreis des «Sturm»

    Rings künstlerischer Hintergrund scheint in manchen seiner astrologischen Beiträge dieser Jahre durch; beispielsweise in «Kunstbetrachtung und Individualität» (1927) oder in «Zur Astrolo-gischen Analyse des Kunstschaffens» (1928); seine Deutung des Horoskops des Malerfreundes Otto Dix wurde 1926 veröffentlicht. Rings bildnerisches Werk23 der 1920er Jahre im allgemeinen kann nicht von seinen vielseitigen Studien getrennt betrachtet werden, worauf auch Skiebe in ihren Ausführungen zur künstlerischen Konzeption, zu kunsttheoretischen Vorstellungen und zur Formensprache Rings eindringlich verweist. Sein künstlerischer Zugang und seine Gabe das Wesentliche komplexer Zusammenhänge in einem Ordnungsgefüge klar und deutlich auszu-drücken, zeigt sich in seiner Darstellungsart von Horoskopen; seine Horoskopzeichnungen können jedenfalls als Kunstwerke betrachtet werden24. Auch in seiner Lyrik thematisiert er Astrolo-gisches; an dieser Stelle sollen daraus nur zwei Beispiele angeführt werden: 1925 entstand der Zyklus «Rund um die Liebe»; in 12 Erzählungen – Riesin Weltstärke, Das Kakteenfräulein, Das vertippte Zebra, Königin Goldspinst im Monde, Die Dame aus dem Mittelpunkt, Die Jungfrau mit der Schlinge, Leckerspass, Das gebrühte Gliedertier, Das Flittchen vom Schützenplatz, Die Beamtin ihres Geschlechts, Rundflünkchen und Prinzessin Seidopo – wird (die astrologische) Venus gespiegelt in den astrologischen Tierkreiszeichen skizziert; diesen ironischen Texten fügte er 12 Graphiken bei. Ein mehrjähriger Arbeitsprozess an dem umfangreichen Gedichtzyklus «Die Olympische Wiederkehr» fand im Jahre 1963 seinen Abschluss; dieser wurde mit sechs Feder-zeichnungen des Autors allerdings erst 1985 veröffentlicht. Darin werden die morphologischen Ganzheitskräfte in Bildern und Gestalten des griechischen Mythos erfasst. Den Ursprung dieses Weltbildes sah Ring in der Einheit von Schau- und Denkkraft; die Auffindung und die Bestimmung des eigenen «Daseinsgesetzes» sind ihm die wesentlichen Elemente des Mythos. In dichterischer Form fand seine philosophische Aussage wohl in diesem Zyklus ihre klarste Gestalt.

    Während seiner Kriegsgefangenschaft hatte sich eine verstärkte Hinwendung zum Bildnerischen abgezeichnet. Der «Sturm» war auch für den Maler und Zeichner die erste Anlaufstation; im Sommer 1920 wurden 34 Werke Rings im Rahmen der 88. Ausstellung der «Sturm»-Galerie gezeigt; beteiligt war Ring dann auch bei den zwei folgenden «Sturm»-Ausstellungen. Die Juryfreie Kunstschau Berlin, die eng mit den «Sturm»-Kreis verknüpft war, bot Ring ebenfalls die Gelegenheit sein bildnerisches Werk zu präsentieren. Vertreten war er unter anderem noch in fünf der «Großen Berliner Kunstausstellungen» während der 1920er Jahre. Als «Sturm»-Künstler trat er aber nicht nur als Literat und Maler, sondern 1925/26 auch als Grotesktänzer im «Sturm»-Kabarett auf, begleitet von seiner Frau Gertrud am Klavier. Der «Sturm» mit seinen Institutionen blieb jedoch nicht mehr ausschließlich Heimat für den Künstler, der sich Anfang der 1920er Jahre für kurze Zeit der «Novembergruppe» anschloss aber auch mit der Weimarer «Bauhaus»-Gruppe Kontakt pflegte. Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Fragen verliert die anfängliche von Walden geprägte Kunstauffassung – Kunst ist immer die persönliche Gestaltung eines persönlichen Erlebnisses – an Bedeutung, was sich in seinem literarischen Schaffen ab Mitte der 1920er Jahre deutlich zeigt. «Das dichterische Werk Thomas Rings aus den Jahren 1916 bis 1933 spiegelt exemplarisch die Wandlung vom Nur-Künstler zum politisch nicht nur wachen, sondern auch engagierten Künstler.»25 Damit ist Ring auch ein Beispiel für die Politisierung des «Sturm»-Kreises im allgemeinen; in den Zeitschriften «Der Sturm» und «Die Tat» trat er als kulturkritischer und politischer Essayist in Erscheinung. Die Möglichkeit als Künst-ler und Intellektueller gesellschaftsverändernd wirken zu können, scheint Ring in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre dazu bewogen zu haben, in diesem Sinne verstärkt tätig zu werden. Im Sommer 1927 trat er der KPD bei. Seine politisch-künstlerische Agitation fand vorwiegend in Aufsätzen, Dramen und Gedichten ihren Ausdruck, die vor allem in der führenden kommunistisch-orientierten Literaturzeitschrift «Die Linkskurve», der kommunistischen Zeitung «Die Rote Fahne» und in «Das Rote Sprachrohr», dem Zentralorgan des deutschen Arbeiter-Theater-Bundes, veröffentlicht wurden. Engagiert hat sich Ring im Rahmen des organisierten politisch-revolu-tionären Laientheaters, der Agitprop-Bühne26; als Leiter der Agitproptruppe «Rote Sensen» war er mit der Landagitation befasst.

    Seine ideologisch linksgerichtete Orientierung fand auch in den astrologischen Arbeiten dieser Zeit ihren Ausdruck; von Flüe schreibt zu Rings damaliger Ausrichtung, dass für diesen die Prin-zipien der Astrologie nun Schlüssel zu Einsichten seien, die auf einer hohen Stufe der Abstraktion die Gestaltformen und Bewegungen des Weltgeistes in Natur und menschlicher Gesellschaft aufzeigten: «Sein Denken wendet sich in eindrücklicher Weise nach Aussen, ins Stoffliche der Natur, in den Aufbau des Sozialen. Aus diesen Jahren gibt es in seinem Nachlass auch Texte zur Mundanastrologie. ‹Die Organik des Völkerlebens vom Blickpunkte der Astrologie› heisst ein Aufsatz von 1928, ‹Saturn in der Materie› ein anderer von 1929. Das dialektische Denken von Hegel und Marx sind ebenso wie Freuds Psychoanalyse in dieser Zeit wichtige Referenz-Systeme. 1932 erscheint ein Aufsatz ‹Astrologie und Dialektik›. Dem Mechanismus einer linearen Verstan-deslogik wird das Schöpferisch-Spannungsvolle des dialektischen Denkens entgegengestellt – und ebendieses sieht Ring in der polaren Gegensatz-Thematik des Tierkreises verwirklicht. Beein-druckend ist dieser Text in seiner durchdringenden Klarheit und Systematik, aber auch in seiner spekulativen Kraft. [...] Fast 50 Jahre später hat Ring diesen Text wieder gelesen und ihm einige Bemerkungen beigefügt. Ich zitiere: ‹Nach meinen heutigen Begriffen unter die kritische Lupe genommen versteht der Aufsatz die kreisläufige Ordnung zu einseitig vom oberen Meridian her. Das besagt: der Mensch wird vorwiegend sozialgeschichtlich betrachtet, ohne Berücksichtigung seiner privaten und naturhaften Regungen. Ich versuchte von da her diese Ordnung begreiflich zu machen mit deutlicher Wendung zur marxistischen Anschauungsweise, für deren Vertreter die Astrologie ein indiskutables Ueberbleibsel aus vorwissenschaftlichen Anschauungen war. Ich sah aber damals im politischen Ausdruck dieser Anschauung die einzige Gegenkraft, welche der herannahenden faschistischen Welle standhalten konnte ... Entscheidend für meine damalige Sicht-weise ist vielleicht, dass der Aufsatz vor meiner Begegnung mit Nicolai Hartmann und seiner Kategorienlehre geschrieben wurde. Ich sah noch nicht deutlich den Unterschied, der darin liegt, ob man einen Schichtenbau von Seinsebenen sieht, worin die materielle Ebene und ihre Kate-gorien den Unterbau bilden, oder ob man einen Materialismus annimmt, der hiervon die Kate-gorien der oberen Schichten ableitet›.»27

    Im Laufe des Jahres 1931 mag sich Rings Hoffnung, die er in seine Tätigkeit als proletarisch-revolutionärer Dichter gesetzt hatte, mehr und mehr zerstört haben. Die Zeichen der Zeit in Deutschland erkennend emigriert er mit seiner Familie Ende 1932 nach Österreich. Damit fand sein politisches Engagement in gewisser Hinsicht ein Ende. Mit der Emigration endete die fruchtbarste Phase des Malers. Neben kubistischer, futuristischer und konstruktivistischer Ein-flüsse ist das bildnerische Werk der 1920er Jahre vor allem auch Ausdruck von Rings vielseitigen Studien, deren Zentrum seine intensive Auseinandersetzung mit der Astrologie bildet. Skiebe resümiert, dass der Maler Thomas Ring zwar keinen führenden Platz innerhalb der künstlerischen Avantgarde der 1920er Jahre einnahm, aber dennoch an ihren Brennpunkten gestanden habe28. In Österreich lebte die Familie vorerst in Baden bei Wien; im Frühjahr 1933 zog sie ins entlegene Johnsbach im steirischen Gesäuse, wo Ring an seinen «astrologischen Lehrbriefen» arbeitete. Um ihrem ältesten Sohn eine höhere Schulbildung zu ermöglichen, siedelten die Rings im September 1934 nach Graz. In der steirischen Landeshauptstadt fand Ring Kontakte zu Erich Hönig, Rudolf Pointner, Fritz Silberbauer, Alfred Graf Wickenburg u.a., die zur avantgardistischen Künstlerver-einigung «Sezession Graz» zählten29; 1937 war er an einer ihrer Ausstellungen beteiligt. Im Vordergrund standen jedoch seine astrologischen Studien; ihren Lebensunterhalt verdienten Thomas und Gertrud Ring mit astrologischer Beratungstätigkeit. Einen Namen hat sich Ring in Graz als Astrologe, nicht jedoch als Künstler, gemacht.

     

    • 5 Astrologie als philosophische Anthropologie
  • Hatte er mit seinem Erstlingswerk und auch mit «Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt» (1939) Arbeiten vorgelegt, die für die astrologische Praxis Relevantes bieten, widmet sich Ring teilweise schon in «Planeten-Signaturen» (1938), dann in den ebenfalls in Graz verfassten Schriften «Das Sonnensystem – ein Organismus» (1939), «Das Lebewesen im Rhythmus des Weltraums» (1939) und «Der Mensch im Schicksalsfeld» (1941) ausschließlich den fundamentalen astrologischen Fragen und Problemen. Die zuletzt genannten drei Schriften wurden von der Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlicht. Darin nimmt er nicht nur Bezug auf Ergebnisse der modernen naturwissenschaftlichen Forschung, er sucht auch erstmals in einem umfassenderen Sinn einen philosophischen Entwurf zu formulieren, der den Boden für die ernsthafte Diskussion astrologischer Fragen und Probleme, jenseits von Polemiken, bilden sollte. «Ende der dreissiger Jahre und anfangs der vierziger Jahre sind es dann drei nicht mehr leicht lesbare Bücher, die zudem erst einen Teil von dem enthalten, was Rings Astrologie geworden ist. [...] Während die ‹Astrologische Menschenkunde› in ihren vier Bänden wie ein fertiges Haus ist, durch das man bewundernd geht, dessen gründliche Ordnung und dessen Reichtum an Räumen man bestaunt, so sind diese früheren drei Bücher wie die Baustelle, wo Fundament-Arbeiten noch im Gang sind, wo der Riss, das Gefüge des Bauplanes noch sichtbar ist, wo die Anstrengung, ein solches Haus zu errichten, noch spürbar ist, und wo – in wunderbarer Durchführung – schon einiges ganz klar und vollendet steht. [...] Was diese drei Bücher, die im Grunde die Summe von Rings astrologisch-philosophischem Schaffen bis anfangs der vierziger Jahre enthalten, noch gemeinsam haben, ist dies: Sie wenden sich nicht an den Astrologen, der in seiner praktischen Arbeit aufgeht, sondern sie suchen die Auseinandersetzung mit den führenden philosophischen und einzelwissenschaft-lichen Geistern unserer Zeit. 1940 war Ring 48 Jahre alt, auf der Höhe seiner noch jugendlichen geistigen Schaffenskraft, und wohl auch noch voller Erwartung, gelesen, gehört und ernst genommen zu werden. Wenig davon ist geschehen. In seinem späteren Werk, das sich doch gelassener dafür hergibt, den Astrologiebeflissenen auch nützlich zu sein (die Verlage pochten darauf), ist nicht mehr das Ungestüme, Weitausholende seines zugreifenden philosophischen Wesens leitend, es herrscht mehr die Ruhe eines Wissens, das sich – seit Jahrzehnten mit sich selbst unterwegs – in grossen Bogen ausbreitet, darlegt und um seine Bedeutung weiss.»30 In seiner gestalttheoretischen Untersuchung «Das Sonnensystem – ein Organismus» tritt Rings Sinn für das Strukturelle klar vor Augen. Hinsichtlich des Ordnungshaften im Komplexen ist das Sonnensystem ihm Modell für das komplexe Zusammenspiel der morphologischen Bildekräfte in (irdischen) Lebensformen. Damit ist schon der Hinweis auf das Thema von «Das Lebewesen im Rhythmus des Weltalls» gegeben, in dem Ring, den Gedanken entwickelnd, dass sich Leben eingepasst in Rhythmen entfaltet, sich verstärkt auf biologische, geo- und kosmophysikalische Forschungsergebnisse bezieht. In dem 560 Seiten umfassenden Werk «Der Mensch im Schicksals-feld» stellt sich Ring dem Freiheitsproblem und formuliert erstmals umfassend die zehn Planeten-Prinzipien als Bildekräfte des Aufbaus von Mensch und Natur; von Flüe spricht von einem Markstein innerhalb der modernen Astrologie: «Alles Wesentliche der Neuformulierung der alten ‹Planeten› (und diese waren und sind das Herzstück jeder Astrologie) ist hier in beispielhafter Klarheit und unter Einbeziehung der wichtigsten Ergebnisse von Jungs archetypischer Psychologie vollzogen. Es hat noch nicht das Abgeklärte längst zurückliegender Einsichten; man spürt im Ausholenden seiner Gliederung noch die Anstrengung des Begriffs, die Arbeit der geistigen
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    • 6 Heimatlosigkeit und ein weiterer Umbruch
  • Der Nationalsozialismus holte Ring im März 1938 ein. Mitte der 1930er Jahre hatte er schon seine deutsche Staatsbürgerschaft verloren, da die zuständige Behörde die Passverlängerung verwei-gerte; begründet wurde dies mit seiner politischen Vergangenheit. Trotzdem suchten nun führende Nationalsozialisten den Astrologen Thomas Ring zu gewinnen. «Inzwischen ... (sollte ich) ... für das Dritte Reich ... bei Goebbels das Fach ‹Kosmobiologie› übernehmen, der oberste Mann da werden. Und von Rosenberg. Der Bürochef ... hat mir einen ganz naiven Brief geschrieben; Rehm heißt er. Er ist dann als Dichter bekannt geworden. Der schreibt naiv: ‹also wir Nationalsozialisten haben noch keine gefestigte Anschauung, aber in Ihren Büchern sehe ich doch undsoweiter›. Und dann also kam die Zeit, wie sie darauf gekommen sind (auf die Staatenlosigkeit – Zus. d. Verf.). Hausdurchsuchung ... Schließlich kriegte ich eine Vorladung. Und wie das so ist: ich steck’ die beiden Briefe ein vom Büro Goebbels und vom Büro Rosenberg ... Das war ... ein Dreieck: Himmler, Rosenberg und Goebbels ... Nun mußte ich da hin, um 10.00 Uhr morgens, und nun ging ein Verhör los ... Ich habe dann plötzlich, aus einer inneren Eingebung heraus, die beiden Briefe gezeigt, die mich dann gerettet haben.»32 Ring wurde Mitglied der Reichsschriftumskammer und der Reichskammer der Bildenden Künste; im Zeitraum von 1938 bis 1941 erschienen in deutschen Verlagen fünf seiner Schriften. Erst 1942 begann die Situation für ihn kritisch zu werden. Im Juni 1942 wurde Ring aus der Reichsschriftumskammer ausgeschlossen; begründet wurde dies mit Rings kommunistischer Vergangenheit aber auch mit den volksschädigenden Inhalten seiner astro-logischen Schriften, die konfisziert wurden33. Der Ausschluss aus der Reichskammer der Bildenden Künste erfolgte im April 1943. In diesem Jahr sollte der Einundfünfzigjährige zu einem Strafbataillon nach Norwegen abkommandiert werden. Der Initiative Hans Benders war es zu verdanken, dass diese Bedrohung abgewendet werden und Ring eine Stelle an der Universität Strassburg antreten konnte, wo damals neben Bender unter anderen auch Carl Friedrich von Weizsäcker lehrte. Ring wurde Direktor des von Friedrich Spieser gestifteten grenzwissenschaft-lichen «Paracelsus-Institutes», das dem Psychologischen Institut der Reichsuniversität angeglie-dert war. Über seine Tätigkeit dort ist wenig bekannt; 1944 erschien sein Aufsatz «Der Umbruch ins organische Denken» in den «Straßburger Monatsheften». Verdienstvoll war sein Einsatz, der den Verbleib wertvoller Bestände der Universitätsbibliothek betraf: «alte französische Literatur, Erstausgaben von Rimbaud, Voltaire und Lautréamont undsoweiter ... 300 Sachen etwa»34 bewahrte Ring vor dem Zugriff der NS-Sicherstellung von Kulturgut. Als Ende November 1944 die Alliierten Strassburg einnahmen, wurden Thomas und Gertrud Ring als «Reichsdeutsche» aufgegriffen und vorerst im ehemaligen NS-Lager Struthof, dann im Lager St. Sulpice la Pointe interniert, wo Gertrud Ring am 15. Februar 1945 verhungert ist. Erst Anfang 1946 gelangte Ring auf abenteuerliche Weise aus der französischen Gefangenschaft, im Frühjahr dieses Jahres kehrte er nach Graz zurück. Seine beiden Söhne waren zwar an der Front verwundet worden, hatten den Zweiten Weltkrieg aber überlebt. Sich auf das «Aspektgerüst» seines Geburtsbildes beziehend schreibt Ring: «ich befinde mich im permanenten Kriegszustand mit Übergrifflichkeiten und Täuschungen meiner Epoche, angestachelt durch die im Wesenskern aufschießenden Höchstforde-rungen, denen die Vision eines neuen, lebenswerten Menschenbildes vor Augen steht.»
  • Im Mai 1947 heiratete Ring ein zweites Mal – die Künstlerin Irmtraut Bilger (5.12.1910-6.6.1999), verw. Blum; im Juli 1947 wird ihr Sohn Anselm und im Oktober 1948 ihre Tochter Gundula geboren. Im September 1949 erhielt Ring dann die österreichische Staatsbürgerschaft. Die Kenntnis, dass eine Vielzahl seiner Bilder und Zeichnungen im Berliner Bombenhagel vernichtet wurde, wirkte lähmend auf seine bildnerische Schaffenskraft; obwohl sich Ring im Juni 1949 an einer Ausstellung der «Sezession Graz», anlässlich ihres fünfundzwanzigjährigen Beste-hens, beteiligt hatte, überwand er seine Krise erst in den 1960er Jahren. In einem Brief an Hannah Höch schrieb er im Mai 1966: «Seit 2 1/2 Jahren male ... ich wieder, nachdem der Komplex ‹Vernichtung der früheren Bilder› ausgeräumt ist. Interessant dabei, daß man nach langer Unter-brechung nicht gleich kann. Kann, was einem vorschwebt, sondern sukzessive sich in Weiter-führung alter Formprobleme hinarbeiten muß ...»36 Im Laufe der Jahre entstand ein umfangreiches Alterswerk, das von der Öffentlichkeit während der 1960er Jahre jedoch nicht wahrgenommen wurde. Nur einmal, nämlich in der Ausstellung «Der Sturm – Herwarth Walden und die Europäische Avantgarde – Berlin 1912-1932», die 1961 in der Nationalgalerie Berlin gezeigt wurde, waren Werke Rings zu sehen. Erst Anfang der 1970er Jahre änderte sich die Situation. Nach drei Ausstellungsbeteiligungen präsentierte im Frühjahr 1974 das «studio dumont» in Köln 47 Arbeiten des Künstlers. Nach weiteren Beteiligungen Anfang der 1980er Jahre ehrte im Frühjahr 1983 das Märkische Museum der Stadt Witten schließlich den Maler Thomas Ring mit einer umfassenden Retrospektive. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gewann das dichterische Werk als Ausdruck seiner schöpferischen Tätigkeit wieder an Bedeutung. Es entstand Prosa mit biographischem Gehalt37: 1945 bereits der kurze Text «Träume eines Gefangenen»; in den Nachkriegsjahren schrieb Ring dann den 212 Seiten umfassenden Roman «P.O.W. 131» (1948/49), der Erlebtes aus Krieg und Gefangenschaft der Jahre 1917 und 1918 zum Inhalt hat, und den noch umfangreicheren Text «Kindheit», der erst in den 1950er Jahren abgeschlossen wurde; nur die beiden letztgenannten Werke sind bisher in Fortsetzungen – und zwar in den Werkstattblättern – veröffentlicht worden. Neben Prosa entstand auch Lyrik, die in einer Auswahl dann 1985 publiziert worden ist38. Das Schöpferische als Wesensmerkmal Rings manifestierte sich vor allem in seinem astrologisch-philosophischen Werk. Auf die Frage, wer Thomas Ring war, antwortet von Flüe: «Ganz gewiss ein rastlos Arbeitender, der die Stunden des Tages dazu brauchte, sich und den Seinen das Allernotwendigste zum Leben zu verdienen ... ‹von mir ist weiter nichts zu berichten, als dass ich die Existenzfrage mit der Sturheit des ägyptischen Mist-käfers, den man darob heilig gesprochen hat, unentwegt zur Pille drehe. Es reicht immer gerade so hin› ... schreibt er 1949 an Bender – ein rastlos Arbeitender während des Tages und vor allem auch des nachts: bis in die frühen Morgenstunden hinein schrieb er an seinen Büchern, feilte und formte er an den Texten, die das Vielschichtige seiner Weltsicht in ein Bleibendes und Gültiges bringen. Er lebte ganz und gar in und durch seine Arbeit.»39
    • 8 Die «Astrologische Menschenkunde»
  • Gegen 700 Deutungen von Horoskopen (Typoskripte, zwischen vier und zehn Seiten engzeilig beschrieben) Rings sind erhalten geblieben, die tiefe Einblicke in seine astrologische Deutungs-kunst gewähren und seine Arbeit während sechs Jahrzehnte dokumentieren. Diese Sammlung ist wohl einzigartig und für die astrologische Forschung von großem Wert. Aufgrund der Problematik hinsichtlich des Datenschutzes konnten daraus allerdings erst wenige Deutungen in den Werkstattblättern publiziert werden. «Wer viele von Rings astrologischen Gutachten liest, kommt fast zwangsläufig auf die Frage, mit welchen Augen, mit welcher Art von Intuition hier einer Wege von Menschen, Wege von Seelen ausleuchtet, ja geradezu errät. Ihm war offenbar von früh an ein Einblick in das Lebenshintergründige der Menschenseele gegeben und mit ganz wenigen Angaben über das Konkrete eines Menschen (oft gehörte ein Foto und eine Schriftprobe dazu) begann eine Schau, ein Verstehen, das ganz nah beim unmittelbar Lebendigen dieses Menschen sich hält und dennoch tief hinabreicht in den elementaren Aufbau, in die archetypische Logik dieser Persön-lichkeit. Dabei war Ring in seiner astrologischen Arbeit wie kaum ein anderer ein im strengen Wortsinn Verstehender, einer, der aus grundsätzlichen Einsichten in die Morphologie des Leben-digen heraus begriff (dahinter steckte jahrelange Denkarbeit!) – und zugleich war er ein Erraten-der, einer, der aus dem erscheinungshaften Vordergrund weit bis ins Lebens- und Welthinter-gründige ausgriff, bis hin zur ‹anderen Seite›.»40
  • 1952 verlässt Ring mit seiner Familie Österreich und übersiedelt von Graz in das abgelegene Luchle bei Wittenschwand im Hochschwarzwald, wo sie ein kleines Bauernhaus bewohnten, das dem Freund Bender gehörte. In diesem Jahr schließt Ring einen Vertrag mit dem Rascher-Verlag, Zürich, über seine «Astrologische Menschenkunde» ab; die Arbeit an seinem vierbändigen Hauptwerk wird ihn über zwei Jahrzehnte lang beanspruchen. Im Jahre 1962 wechselte Ring ein letztes Mal seinen Wohnsitz; er bezog mit seiner Familie eine Wohnung in einem alten Haus, das zur Anlage der mittelalterlichen Burg Stettenfels bei Heilbronn gehörte. Seinen Lebensunterhalt sicherte er sich und seiner Familie weiterhin mit seiner Beratungstätigkeit und mit Kursen zur Astrologie. In Deutschland arbeitete Ring sehr zurückgezogen an seiner «Astrologischen Menschenkunde» und an zahlreichen anderen astrologischen Beiträgen und Schriften.

    In seinem späten Werk «Existenz und Wesen in kosmologischer Sicht» schreibt Ring: «Kenn-zeichen echter philosophischer Fragen zum Unterschied von Anliegen bloßer Wissensneugier ist, daß sie nie ein für allemal gültig beantwortbar sind. Jede Epoche muß die Antwort aus sich finden. Wir behandeln darin Grundprobleme des Wesens und der Existenz des Menschen. Immer wieder gehen wir neu heran in der Einstellung, ein Geheimnis zu entsiegeln. Den naiven Dutzend-menschen interessiert nur der Inhalt der Antwort, damit er sie einbaue in seine Lebenspraxis. Der Philosoph dagegen verlangt nach guten Gründen und richtigen Folgerungen, aus denen die Antwort hervorgeht; wichtig wird ihm die Theorie, die Art und Weise, das Problem zu beden-ken.»41 Auf die Frage in welchem Bereich der Erkenntnisarbeit die «revidierte» Astrologie Platz findet, ist zu antworten: in der philosophischen Anthropologie. In jahrzehntelanger Arbeit hat Ring die anthropologischen Grundlagen der Astrologie heraus gearbeitet und diese eindrucksvoll in seinem Hauptwerk dargestellt; im Vorwort zur «Astrologischen Menschenkunde» schreibt Bender: «In diesem Werk unternimmt es Thomas Ring von neuem, die Kategorien der astrologischen Deutung begreiflich zu machen und Ort und Grenze der Aussagen zu bestimmen, die nach seiner Auffassung aus der Geburtskonstellation möglich sind. An das ihn von jeher beschäftigende Schicksals- und Freiheitsproblem anknüpfend, setzt er dem ‹Zerrbild einer fatalistischen Vulgär-astrologie› die Ansicht entgegen, daß das auf Zeit und Ort der Geburt berechnete Horoskop eine Gefügeordnung von Bildekräften spiegle und eine Art von Rahmen darstelle, in dem sich die Verbindung von Erb- und Umwelteinflüssen vollziehe. Diese Gefügeordnung, der ‹Kosmotypus›, wird mit einprägsamen und didaktisch glücklichen Begriffen als die formale Grundlage der individuellen Selbstverwirklichung geschildert, die sich im Laufe der Entwicklung in einem Ineinandergreifen von Notwendigkeit und Freiheit bildet. [...] Um einen Anspruch zu untersuchen, muß man ihn kennen und die Methoden der empirischen Nachprüfung auf ihn abstimmen. Die ‹Astrologische Menschenkunde› von Thomas Ring ist auf jeden Fall ausgezeichnet geeignet, über das Wesen der Astrologie zu unterrichten und die Mißverständnisse zu beseitigen, die aus einer tiefgründigen Entsprechungslehre zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos armselige, fatalisti-sche Wahrsagerei machen.»42 Der erste Band «Kräfte und Kräftebeziehungen. (Zusammenfassung der Aufbaukräfte unseres Charakters, ihre Zwischenbeziehungen und Abwandlungen)» (1956) ist den astrologischen Planeten und den astrologischen Aspekten gewidmet; im zweiten Band «Aus-druck und Richtung der Kräfte. (Darstellung der Verhaltensgrundformen und Äußerungsgebiete anhand einer neuen Ableitung des astrologischen Tierkreises)» (1959) behandelt Ring die beiden kreisförmigen Lebens-Bezugssysteme, den astrologischen Tierkreis («Die Sphäre des Ausdrucks») und das astrologische Häusersystem («Die Sphäre der Interessen»). Von einem medizinischen Standpunkt aus thematisiert er den tropischen Tierkreis in der Schrift «Tierkreis und menschlicher Organismus» (1958). Der knapp 540 Seiten umfassende dritte Band seines Hauptwerkes «Kombi-nationslehre (der Kräfte in ihren Beziehungen, ihrem Ausdruck, ihrer Richtung und dem Stellen-wert im Ganzen)» (1969) bietet dem Leser eine Anleitung zum individuellen Gebrauch der astrologischen Grundelemente und eine methodische Einführung in die astrologische Interpre-tation. Aus seiner langjährigen Beratungstätigkeit schöpfend, stellen die Ausführungen im vierten Band «Das lebende Modell (Mängel, Fehlhaltungen, Vorzüge, Ergänzungen)» (1973) eine Ergän-zung der Kombinationslehre dar.

    Rings Auffassung gemäss ist das Horoskop als «Anlagegefüge» zu verstehen; das Kosmogramm ist die graphische Darstellung der Struktur des Qualitativen. Über die Art wie dieses Anlagegefüge vom Horoskopeigner konkret gelebt wird, kann aus dem Horoskop (allein) keine Aussage gemacht werden. Formal ausgedrückt ist ein Kosmogramm gewissermaßen ein Gleichungssystem, eine Momentaufnahme des größeren Ganzen; im Sinne des organisch-kosmologischen Denkens könnte von einer «Zeitgestalt» der Weltseele gesprochen werden. Das Bemühen eine philosophische Begründung der «Grundelemente» der Astrologie darzulegen, die nicht außerhalb des (modernen) wissenschaftlichen Kontextes steht, zeichnet das astrologische Werk Rings aus. Bei aller Logik des astrologischen Systems kommt in der angewandten Astrologie, d.h. der astrologischen Interpretation, ein Faktor hinzu, den Ring im nachfolgenden Satz anspricht, mit dem er seine «Astrologische Menschenkunde« schließt: «Angesichts des fragenden Menschen reicht die Wissenschaft des lebenden Modells nicht hin, es beginnt die Deutung als Kunst.»43 Für die Deutungskunst gilt jedoch die Forderung: «Strenge Methodik der Kombination vereint mit dem künstlerischen Blick für das Ganze.»44 Ein eindrucksvolles Zeugnis dieser «Deutungskunst» stellt Rings «Selbstdeutung» dar, die wahrscheinlich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre niederge-schrieben wurde. «Ring schreibt sehr freimütig, problemorientiert, ganz dem Lebendigen, seiner Ausfaltung, seinen Nöten und Uebergängen verpflichtet; er schreibt als einer der immer wieder auf der Suche nach sich selbst ist, ohne ein Denkmal aus sich zu machen; aber auch als einer, der sich seiner Bestimmung durchaus bewusst ist und der aus der Gelassenheit eines reichen schöpferi-schen Lebens zurückblicken kann. Für einen Augenblick ist man als Leser an gewissen Stellen des Textes von seiner Offenheit überrascht, staunt auch darüber, wie gezielt er Dinge beim Namen nennt, und sieht dann doch, wie alles, was Ring von sich selbst preisgibt, auf einen ‹Ausschnitt der Weltseele› hinzielt, auf überpersönliche Einsicht: so verhält es sich, so ist die Welt in mir gefügt, aus diesen Voraussetzungen habe ich gelebt, ist mein Schaffen entsprungen.»45 26 Beispiele seiner Deutungskunst bietet Ring in seinem umfangreichen Werk «Genius und Dämon. Struktur-bilder schöpferischer Menschen» (1980); in diesem sehr schön gestalteten Buch legt er Werk- und Lebensskizzen von Persönlichkeiten (Leonardo da Vinci, Käthe Kollwitz u.a.) aus sechs Jahr-hunderten vor; von Flüe schreibt, dass der Leser dieser Texte «in actu» Rings Meisterschaft astro-logischer Deutung erleben könne: «In ihnen kommen seine vielfältigen Begabungen so recht zusammen: Klarheit des Durchblicks, Reichtum der Deutungs-Einfälle, das Überraschende des jeweils aufschließenden springenden Punktes, immenses historisches Wissen im Philosophischen, Politischen, Künstlerischen (sei es Literatur, bildende Künste, Musik), geschickte Dramaturgie der Beschreibung und in allem immer die Disziplin einer philosophischen Besonnenheit, die astrologische Wahrnehmung nicht abgleiten läßt in inflatorisches Erkennenwollen, sondern sie jederzeit einbindet im Menschlichen.»46

    In seinen astrologisch-philosophischen Schriften der 1970er Jahre greift Ring von verschiedenen Standpunkten aus grundlegende astrologische Fragen und Probleme auf. In diesen Büchern spiegelt sich der ganze Reichtum an Erfahrungen, den Ring aus seiner nunmehr fünf Jahrzehnte langen praktischen und theoretischen astrologischen Tätigkeit schöpfen konnte. Interessante Ausführungen zur geistesgeschichtlichen Entwicklung der Astrologie («Astrologie ohne Aber-glauben» (1972)) finden sich darin ebenso wie zur verantwortlichen Beratungstätigkeit des Astrologen («Astrologie neu gesehen. Der Kosmos in uns» (1977)). Auf Fragen der philosophischen Anthropologie, wie sie sich dem organisch-kosmologischen Denken stellen, geht Ring insbeson-dere in «Existenz und Wesen in kosmologischer Sicht» (1975) ein. Und in «Mein Alphabet» (1978) legt er in knapper Form dar, was ihm Astrologie geworden ist. In dichterischer Form hat dies Thomas Ring beispielsweise in folgenden Versen ausgedrückt47:

    Wer dem Fisch seine Liebe schenkt

    sorge für Wasser

    wer den Menschen liebt

    halte sein Herz streng

    wer Gott sucht

    erlerne die Sprache der Schöpfung

    In seinem letzten Werk «Das Grundgefüge. Die Stellung des Menschen in Natur und Kosmos», das posthum 1986 veröffentlicht worden ist, zielt Ring nochmals hin auf den Kern des astrologischen Problems; dargestellt wird die Astrologie als organisch gegründete Seelenlehre. Auch diese Ausführungen zeugen von der ihm eigenen bemerkenswerten geistigen Frische, aus der heraus Ring bis zuletzt schöpferisch tätig war. Am 24. August 1983 stirbt Thomas Ring einundneunzigjährig unerwartet an den Folgen einer Blinddarmentzündung; sein Grab befindet sich auf dem evangelischen Friedhof St. Peter in Graz48.

     

    • Quellenverzeichnis
    • [Thomas Ring] Lebenslauf, 5 Bl.; in: Nl. Th.R. – DLA, Marbach [möglicherweise Mitte der 1970er Jahre verfasst; mit handschriftlichen Ergänzungen, die das Jahr 1980 betreffen]
    • [Thomas Ring] Lebenslauf, 1 Bl.; in: Nl. Th.R. – DLA, Marbach [möglicherweise Mitte der 1970er Jahre verfasst]
    • [Zu Eltern und Herkunft | und | Geburt und Kindheit], 1 Bl.; in: Nl. Th.R. – DLA, Marbach [undatierte Aufzeichnungen]
    • [Zum literarischen Werk], 5 Bl.; in: Nl. Th.R. – DLA, Marbach [umfasst Werke (Prosa, Lyrik und Dramen), die Ring seit Mitte der 1910er Jahre bis Anfang der 1980er Jahre geschrieben hat]
    • Literaturverzeichnis
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    • Eisenhut, Günter: [Biographischen Skizzen zu Gertrud und Thomas Ring]; in: Moderne in dunkler Zeit, hg. von Peter Weibel und Günter Eisenhut, Graz 2001, S. 342-352
    • Flüe, Bruno von: Das ganze Gesicht meiner Jahre. Das Geburtsbild Rainer Maria Rilkes; eine astrologische Deutung, Stuttgart 1988
    • Flüe, Bruno von: Das astrologische und philosophische Werk von Thomas Ring; in: Thomas Ring (1892-1983), Duisburg 1988, S. 117-122
    • Flüe, Bruno von: [Begleitende Worte]; in Thomas Ring, Selbstdeutung, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II
  • Flüe, Bruno von: «Rede»; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1993/1, S. 5-11
  • Francé, Raoul H.: Bios. Die Gesetze der Welt, 2 Bde, München 1921

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    • Niehenke, Peter: Kritische Astrologie. Zur erkenntnistheoretischen und empirisch-psycholo-gischen Prüfung ihres Anspruchs, Freiburg i.Br. 1987
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    • Ring, Erp: Thomas Ring und seine Veröffentlichungen; Verzeichnis der veröffentlichten Arbeiten von Thomas Ring; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1996/2, S. 1-14
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  • Ring, Thomas: Die Überwindung des Schicksals durch Astrologie, Berlin 1925
    • Ring, Thomas: Das Horoskop des Malers Otto Dix; in: Astrologische Blätter, Berlin, August 1926, Heft 6, S. 184-187
    • Ring, Thomas: Kunstbetrachtung und Individualität; in: Astrologische Blätter, Berlin, August 1927, Heft 12, S. 397-400
    • Ring, Thomas: Die Organik des Völkerlebens vom Blickpunkt der Astrologie; in: Jahrbuch für kosmobiologische Forschung, Augsburg, Jänner 1928, S. 67-82
    • Ring, Thomas: Zur Astrologischen Analyse des Kunstschaffens; in: Sterne und Mensch, Leipzig, März 1928, Heft 12, S. 36-38 und April 1928, Heft 3, S. 53-55
    • Ring, Thomas: Saturn in der Materie; in: Sterne und Mensch, Leipzig, Mai 1929, S. 130-135 und 154-156
  • 15
    • Ring, Thomas: Astrologie und Dialektik; in: Zeitschrift für Menschenkunde, Kampen/Wien/ Stuttgart, 1932, 8. Jg., Heft 3, S. 125-144
    • Ring, Thomas: Astrologische Lehrbriefe I-IV, Johnsbach 1933-1935 [Selbstverlag; hektogra-phiert]
  • Ring, Thomas: Planeten-Signaturen, München 1938
  • Ring Thomas: Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt, Leipzig 1938

    • Ring, Thomas: Das Sonnensystem – ein Organismus. Eine gestalttheoretische Untersuchung, Stuttgart/Berlin 1939
  • Ring, Thomas: Das Lebewesen im Rhythmus des Weltraums, Stuttgart/Berlin 1939
  • Ring, Thomas: Der Mensch im Schicksalsfeld, Stuttgart/Berlin 1941

    • Ring, Thomas: Der Umbruch ins organische Denken; in: Straßburger Monatshefte, Straßburg, 1944, 8. Jg., Heft 8, S. 370-387
    • Ring, Thomas: Astrologische Menschenkunde I (1956), Kräfte und Kräftebeziehungen, Freiburg i.Br. 61990
    • Ring, Thomas: Astrologische Menschenkunde II (1959), Ausdruck und Richtung der Kräfte, Freiburg i.Br. 61994
  • Ring, Thomas: Astrologische Menschenkunde III (1969), Kombinationslehre, Freiburg i.Br. 71989
    • Ring, Thomas: Astrologische Menschenkunde IV (1973), Das lebende Modell, Freiburg i.Br. 31985
  • Ring, Thomas: Astrologie ohne Aberglauben, Düsseldorf/Wien 1972
  • Ring, Thomas: Existenz und Wesen in kosmologischer Sicht, Freiburg i.Br. 1975

    Ring, Thomas: Mein Alphabet, Romanshorn 1978

    Ring, Thomas: Astrologie neu gesehen. Der Kosmos in uns (1977), Freiburg i.Br. 21979

    Ring, Thomas: Genius und Dämon – Strukturbilder schöpferischer Menschen, Freiburg i.Br. 1980

    • Ring, Thomas: Rundgang; in: Thomas Ring Lebenszeugnisse. Festschrift anläßlich des 90. Geburtstages von Thomas Ring, hg. von der ThR-St, Zürich 1982, S. 12-22
  • Ring, Thomas: Rund um die Liebe (1925), Witten 1983
  • Ring, Thomas: Die Olympische Wiederkehr, Ein Gedichtzyklus (1963), Freiburg i.Br. 1984

    Ring, Thomas: Gedichte – Ausgewählt aus den Jahren 1946 bis 1983, Zürich/Stuttgart 1985

    • Ring, Thomas: Das Grundgefüge. Die Stellung des Menschen in Natur und Kosmos, Freiburg i.Br. 1986
  • Ring, Thomas: Tierkreis und menschlicher Organismus (1958), Freiburg i.Br. 41988
    • Ring, Thomas: Kindheit [Roman], auszugsweise veröffentlicht in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1988/1, S. 4-19; Zürich 1988/2, S. 10-27; Zürich 1989/1, S. 6-21; Zürich 1990/1, S. 9-24; Zürich 1990/2, S. 15-21; Zürich 1991/1, S. 8-13; Zürich 1991/2, S. 12-21; Zürich 1992/1, S. 1-14; Zürich 1993/2, S. 3-16; Zürich 1994/1, S. 9-18; Zürich 1994/2, S. 7-20; Zürich 1995/1, S. 20-26; Zürich 1995/2, S. 25-39; Zürich 1996/1, S. 37-45; Zürich 1996/2, S. 15-26
  • Ring, Thomas: Selbstdeutung, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II
    • Ring, Thomas: Strukturbilder genialer Menschen. Ausgewählt aus seiner Sammlung und heraus-gegeben von der Thomas Ring-Stiftung, Zürich 1992
  • Ring, Thomas: Frühe astrologische Schriften, Zollikon 1995
    • Ring, Thomas: P.O.W. 131 [Roman], auszugsweise veröffentlicht in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1997/1, S. 5-26; Zürich 1998, S. 1-14; Zürich 2000, S. 1-35
    • Schiffmann, Philip: Editorische Notiz; in: Oskar Adler, Das Testament der Astrologie, Bd. I, München 1991, S. 332-336
    • Schübl, Elmar: Jean Gebser und die Frage der Astrologie. Eine philosophisch-geistes-geschichtliche Studie, Graz 2001 [Die knappe historisch-biographische Skizze zu Leben und Werk von Thomas Ring bildet einen Teil dieser Dissertation.]
    • Schübl, Elmar: Jean Gebser und die Frage der Astrologie. Eine philosophisch-anthropologische Studie auf der Grundlage der astrologischen Auffassung von Thomas Ring, Schaffhausen 2003
    • Skiebe, Ingrid: Thomas Ring – ein Maler aus dem Umkreis des «Sturm»: Leben, stilkritische Analyse und Werkverzeichnis, Herzberg 1988
    • Skiebe, Ingrid: [kurze biographische Skizze zu Thomas Ring]; in: Thomas Ring (1892-1983), Duisburg 1988, S. 124-137
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